Jackie (Regie: Pablo Larraín)

In den USA erinnert man sich noch gut an sie –  hier in Mitteleuropa weniger: Jacqueline Kennedy Onassis, geborene Jacqueline Lee Bouvier (1929 bis 1994). In den 1950-er und 60-er Jahren war sie eine der Frauen, deren  Fotos einem aus nahezu jeder Illustrierten entgegen kamen, eine Stil- und Modeikone, ein begehrtes Objekt der Klatschpresse. Bekannt wurde sie als Gattin des 1963 ermordeten 35. US-Präsidenten John F. Kennedy, von den Paparazzi dann später als Frau des millionenschweren griechischen Reeders Aristoteles Onassis unermüdlich verfolgt. Sie war so etwas wie eine scheinbar real gewordene Barbie-Puppe, jede und jeder konnte sie für sich gestalten. Was natürlich Lug und Trug war. Nicht viel wurde bekannt über diese Frau. Dass sie studiert, dass sie als Journalistin gearbeitet hatte, spielte keine Rolle. Und spielt es jetzt auch nicht in dem Film, der als Titel den einst weithin bekannten Spitznamen dieser Frau hat.

Regisseur Pablo Larraín wurde in seiner Heimat Chile durch Erfolge wie „No“ (2012) und „Neruda“ (2016) bekannt. In seinem nun ersten englischsprachigen Spielfilm zeigt er die einstige First Lady der USA (Natalie Portman) in einem kurzen Abschnitt ihres Lebens, in der Zeit unmittelbar nach der Ermordung von John F. Kennedy im November 1963. Die Story ist klein: Ein Journalist interviewt die berühmte Witwe eine Woche nach dem Mord von Dallas. Sie erinnert sich. Und sie macht ihm klar, dass er nichts drucken lassen darf, was sie nicht veröffentlicht haben will. Sie arbeitet am Bild von sich und dem von ihrem toten Mann. Aha. Und sonst? Sonst hat der Film nichts zu erzählen. Das Nichts aber sieht toll aus. Insbesondere die Montage von inszenierten und historischen Aufnahmen überzeugt. Doch die Realität außerhalb des Dunstkreises die Hauptfigur bleibt verborgen. Wo Spielfilme wie „JFK“ und „Bobby“ die Zeitgeschichte erhellt haben, bleibt diese hier im Dunkel des Verschwiegenen. So fehlt jeder Bezug zum Heute. Mehr, als dass es schwer war für Jackie, ihren Mann durch ein Verbrechen und damit auch ihre soziale Stellung zu verlieren, wird nicht erzählt.

Drehbuchautor Noah Oppenheim hat sich offenkundig vor allen von persönlichen Aufzeichnungen, Dokumentarmaterial und Erinnerungen von Zeitzeugen inspirieren lassen. Und dazu sicher von den 2014 in der Öffentlichkeit aufgetauchten Briefen, die Jackie zwischen 1950 und 1964 dem irischen Priester Joseph Leonard geschickt hat. Leider hat er sie nicht dazu genutzt, in die psychologische Tiefe zu gehen. Der Titel ist Programm. Jackie wird gezeigt, Jacqueline Kennedy nicht. Zu sehen ist das Bild, das einst in den Medien kursierte. Dazu gibt’s ein paar Blicke hinter die Kulissen des Weißen Hauses. Aber selbst diese Blicke durchs Schlüsselloch muten clean an. Abgründe tun sich hier nie auf.

Hauptdarstellerin Natalie Portman sieht toll aus, bewegt sich toll, spricht toll. Sie gibt eine fast perfekte Imitation der Titelheldin. In vielen, vielen Großaufnahmen kann sie zeigen, dass sie mit kleinsten schauspielerischen Mitteln eine enorme Wirkung zu erzielen vermag. Das suggeriert, dass wir als Zuschauer der Protagonistin ganz nah kommen. Doch das ist nur Illusion. Was der Film, und das macht ihn sympathisch, gar nicht leugnet, im Gegenteil. Im Finale, das nicht verraten wird, wird klar gesagt, dass es hier um Vermarkung geht: Für Jacqueline Kennedy Onassis, geborene Jacqueline Lee Bouvier, hat sich außerhalb ihres privaten Zirkels nie jemand wirklich interessiert und interessiert sich auch heute niemand. Es geht allein darum, mit dem Verkauf von „Jackie“ Profit zu erzielen.

Peter Claus 

Bilder: Tobis

Jackie, von Pablo Larraín (USA / Chile / Frankreich 2016)

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