Godard 80: Der lange Atem

Wenn, was selten genug geschieht, ein Film von Jean-Luc Godard Premiere hat in Paris, dann gilt das der Weltstadt als ein Ereignis. Allerdings, kaum jemand weiß so ganz genau: Warum.

Die Filme des Jean-Luc Godard geraten immer weniger zu Kunstwerken, die eine Geschichte zu erzählen haben. Mit der Besessenheit und mit der Selbstgefälligkeit des intellektuellen Eremiten, schafft Godard enigmatische Essays, die in sich selbst auf eine Weise verrätselt sind, die so kunstvoll wie kryptisch ist. Das war einmal anders, und das vor allem wird bleiben von ihm.

Das ist der Stoff, aus dem Legenden sind: Eine Filmzeitschrift, Cahiers du Cinema, beschäftigt eine Handvoll junge Kritiker, sie heißen Eric Rohmer, Claude Chabrol, François Truffaut und Jean-Luc Godard. Nicht einer unter ihnen, der nicht später einen solitären Platz in der Geschichte des Filmes eingenommen hätte. Einer von ihnen, Jean-Luc Godard, 29 Jahre, inszeniert 1959 seinen ersten Spielfilm, „Außer Atem“. Der Hauptdarsteller ist 26 Jahre alt und ein weithin unbekannter Schauspieler, er heißt Jean-Paul Belmondo. Das Buch schreibt François Truffaut (27), der Name des Beraters ist Claude Chabrol (29). Man wird lange zu suchen haben, um ein vergleichbares Team in der Filmgeschichte zu finden. Ein Team, das so wenig Vergangenheit hat und so viel Zukunft.

Die Geschichte eines jungen Gangsters, eines Außenseiters und einer Studentin (Jean Seberg), die ihn liebt und ihn dennoch verrät, sie wird erpresst von der Polizei. Sterbend schneidet der junge Mann Grimassen.

Diese erste Langmetrage wird Jean-Luc Godards wichtigster Film bleiben und einer der wichtigsten europäischen Filme überhaupt werden und auch dieses bleiben bis auf den Tag.

Was gibt einem Kunstwerk den langen Atem? Es ist, neben seiner eigenen Faszination, der Impuls, der es, andere anregend, weiterleben lässt. Ein solches Kunstwerk ist wie der Stein, der, in den Teich geworfen, weite Kreise zieht. Godard spiegelt, beinahe ein Jahrzehnt vor dem französischen Mai, ein Lebensgefühl, kristallisiert um William Faulkners so berühmten wie berüchtigten Satz „Between grief and nothing I will take grief.“ (Zwischen dem Schmerz und dem Nichts wähle ich den Schmerz). Die Nouvelle Vague war so etwas wie eine neue, poetische Sachlichkeit, das Gefühl des Authentischen, das Leben als Dokument. Dieser Impuls wurde einige Jahre später von der DEFA aufgegriffen wie wir erfuhren, als die DDR-Filme des Jahres 1965 ein Vierteljahrhundert später ins Kino durften.

Jean-Paul Belmondo steht in „Außer Atem“, vor einem Film-Plakat und blickt Humphrey Bogart ins Gesicht. Als hätten sie damals geahnt, irgendwann einander ebenbürtig zu sein. Als hätten sie den langen Atem gespürt.


Text: Henryk Goldberg

Text erschienen in Thüringer Allgemeine, 03.12.2010


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