Lolita (Adrian Lyne)

Ein unmoralisches Angebot

Über verlorene Werte, einen armen Mann und eine kleine Schlampe

Die Frage, ob eine erwachsende Frau für eine Million Dollar mit einem fremden Mann schläft, der aussieht wie Robert Redford, ist kein ernsthafter Diskurs über ein unmoralisches Angebot, es ist ein amüsantes Gesellschaftsspiel. Die Frage nun, wie es ist, wenn eine wohnungssuchende Studentin dem fiesen fetten Vermieter den kleinen Gefallen erweist, ist schon weniger amüsant: Das Amüsement der Geschichten verfliegt in dem Maße, in dem sie sich der Wirklichkeit und nähern und den wirklichen Fragen. Die Frage also, wie es sich mit der Moral verhält, wenn ein vierzigjähriger Mann mit einem zwölfjährigen Mädchen schläft, ist vollkommen unamüsant. Und sie ist, jenseits der Aufklärung und der Jurisprudenz, nur einem großen Künstler zugänglich. Ardian Lyne gehört nicht zu diesen Künstlern. Und vielleicht gehört, bis zum Beweis des Gegenteils, auch kein anderer, besserer Regisseur dazu, da der physischen Präsenz der Bilder die schwingende Imaginationskraft der Sprache verschlossen bleibt. Es gibt wohl einen Grad von Vibration der reinen Sprache, der die Aufnahmefähigkeit von wirklichen Bildern überfordert.
Dieses Buch von Vladimir Nabokov, 1955 erschienen, ist das vielleicht gravierendste Exempel auf die schwierige Beziehung eines Kunstwerkes zur Wirklichkeit, da es mit einem Sujet handelt, dem sich selbst der entschlossenste Wille zur tabulosen Toleranz verweigern muss, wenn er nicht zur gemeinschaftsgefährdenden Gleichgültigkeit degenerieren will. Denn die sexuelle Verfügbarkeit zwölfjähriger Mädchen für die, wie auch immer drapierte, Begierde erwachsender Männer rührt an eines der letzten – will auch sagen: eines der notwendigen – Tabus dieser weithin tabu- und wertfreien Gesellschaft. Deshalb verschwindet hier die sonst fraglos angenommene Differenz zwischen der Wirklichkeit und ihrer Metapher, deshalb lesen wir die künstlerische Chiffre als Nachricht.
Gewiss hat Georg Seeßlen recht, wenn er schreibt, man habe früher „einfacher zu unterscheiden gewusst zwischen den Sinnbildern der Kunst, den Abbildern der Medien und den Zeichen der Wirklichkeit.“ Gewiss, doch haben der Zeitgeist und die Medien die Enthemmung des öffentlichen Raumes, die Eliminierung beinahe jeglicher Schamschwellen bewirkt und damit eine Gegenbewegung herausgefordert, in deren Sog sich auch, kulturhistorisch, konservative Kräfte formieren, in den USA wurde „Die Blechtrommel“ konfisziert und gelegentlich fragen wir uns, ob nicht auch der Darwin wieder auf den Index gerät. Indessen darf die konservative Meinungsführung dieser Bewegung nicht über die Ernsthaftigkeit des Ansatzes täuschen, indessen darf die Angst vor neuerlicher Normierung des öffentlichen Lebens nicht verdecken, dass diese Angst jegliche Wertehierachie problematisiert – und damit den lebensnotwendigen Regelkanon einer Gesellschaft. Indessen darf das Uneinverständnis mit Boykottforderern, die den Film nicht einmal gesehen haben, nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Film in der Tat problematisch ist. Und beinahe wollen wir glücklich sein, dass er auch langweilig ist.
Vladimir Nabokov konnte das heikle Sujet zur Weltliteratur nobilitieren, weil Sprache, wenn sie von einem Großen geführt wird, eine notwendig extreme Konfrontation auszuhalten vermag: die zwischen der unzweideutigen Moral des Vorgangs und seiner flirrenden Spannung, die seine innere Wahrhaftigkeit ausmacht. Der Roman behauptet spielerisch die Perspektive des Ich-Erzählers – und macht die Behauptung deutlich: Diese Sprache ist eine Rechtfertigung, eine Maske, hinter der wir die Fratze ahnen – wenn wir wollen. Sähen wir sie, wäre die teuflische Moralfrage unzweideutig geklärt – und das Kunstwerk beim Teufel. Die Fratze also will, das ist verständlich, Adrian Lyne nicht zeigen – und die Maske kann er nicht zeigen. So hält der kunstfertige Regisseur, anders als der große Schriftsteller, die innere Spannung der Geschichte nicht aus.
Lolita, das zwölfjährige Mädchen, küsst den Mann im Bett und es ist beinahe schön. Sie öffnet die Hose und nimmt die Zahnspange – Lyne liebt dieses Requisit – aus dem Mund. Dann wird es dunkel, und die warme, sympathische Stimme des Mannes sagt lächelnd, beinahe ironisch: „Verehrte Geschworene, ich war nicht einmal ihr erster Liebhaber.“ Und kein Ton, kein Schatten, der etwas hinzufügt. An solchen Szenen scheitert dieser Film, scheitert als Haltung und scheitert als Kunstwerk. Denn die granfein schwingende Spannung, die Nabokov zwischen die Wirklichkeit des Mannes und seine Selbstdarstellung legt, ist die künstlerische Existenzbedingung des Sujets und seine sittliche Legitimation zugleich. Diesem Mann, Jeremy Irons spielt ihn mit allen zurückhaltenden, nuancierten Differenzierungen seines ausdrucksstarken Gesichtes, wünschten wir einen warmen, verständnisvollen Therapeuten, und diese kleine, kindliche Schlampe, die ihn verführt, die sich lasziv ihr Kaugummi ans Bein schmiert und die Zahnspange lachend in sein Glas wirft, gehört, ohne Zweifel, in eine Besserungsanstalt. Außerdem, sie hat schon im Ferienlager mit Charlie gebumst und läuft mit diesem perversen Schriftsteller weg. Sie ist doch nun mal eine kleine Hure. Irgendwie blöd gelaufen, die Geschichte. Für ihn.
Das ist so, weil Adrian Lyne nicht eine Handbreit Luft lässt zwischen sich und seiner Hauptfigur, weil er die Sprache Nabokovs schlicht in Handlung übersetzt – bis zur Komplizenschaft -, statt ihre Doppelbödigkeit neu zu erschaffen. Er glaubt seinem Mann, was er sagt, und er gewährt ihm die legitimierenden Bilder dazu, weil er nicht weiß, dass er lügt. So ist dieser Film ein unmoralisches Angebot und ein unkünstlerisches dazu – auch wenn seine Bilder von taktvoller Diskretion sind. Er offenbart das Unvermögen eines talentierten Kunsthandwerkers, der sich an einem Kunstwerk vergriffen hat.
Nur einmal zeigt uns Lyne die Fratze, wenn der Professor Humbert Humbert seinen Nebenbuhler erschießt. Eine groteske, blutig rasende Orgie der Unwirklichkeit, die nackten Schenkel des perversen, impotenten Entführers erregen – irreal flirrend in diesem Film der schönen, glatten Bilder – physischen Widerwillen. Es ist, als sähe und richte Humbert Humbert sich selbst in einem Alptraum. Es ist aber auch so, dass wir uns fragen, was diesem Mann Alpträume bereiten sollte. Er hatte doch Spaß und er konnte doch nicht anders.
Allerdings, zwei Hunde wittern das Schwein. Doch der Regisseur versteht seinen Mann.
Die eigentliche Frage aber ist eine andere: Woran mag es liegen, dass es heikel erscheint, öffentlich das Wort „Moral“ zu verwenden, ohne dass die intellektuelle Reputation Schaden nimmt?

Autor: Henryk Goldberg

Text geschrieben: 1997

Text: veröffentlicht in filmspiegel

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