Die Brücken am Fluss

Vom Glück des Traurigseins

Clint Eastwood geht mit Meryl Streep über Die Brücken am Fluss 


Der Mann hat einen langen Weg hinter sich gebracht. Er hat den Kopf riskiert für eine Handvoll Dollar, und wenn er westwärts zog mit dem Wind, so blieb er der Mann ohne Namen. Er machte die schmutzige Arbeit auf den Straßen von San Francisco, er begriff, wie erbarmungslos leer seine Jobs waren, so wurde er müde. So gewöhnte er sich, wo immer er war, in der Einsamkeit zu sein. So kommt er nach Madison County, Iowa. 

Es ist ein seltener Glücksfall für das Kino, wie Clint Eastwood, als Regisseur und Schauspieler, seine Filme und Figuren in der Konsequenz einer fiktiven Biografie zu entwickeln scheint. Von Sergio Leones kaltem Revolvermann und Don Siegels schmutzigen Polizisten führte er seine fiktive Figur, den einsamen Wolf, in die Krise: Erbarmungslos ist das Ende, trügerisch Die zweite Chance. Wenn er jetzt Die Brücken am Fluss fotografiert ist es, als vollende er die kollektive Biographie seiner Helden. Und alle Helden sind ein einsamer Mann. Doch weil es Meryl Streep ist, die er fotografiert, begegnet diesem einsamen Mann das Glück des Weinens. 

Francesca, die seit 20 Jahren diesen Traum vom Leben träumt, hat vier Tage frei, Richard ist weg und die Kinder auch. Da bittet sie den Fremden zum Abendessen und kauft sich das neue Kleid mit dem Ausschnitt, damit kommt sie jetzt in die Küche. Und geniert sich ein bißchen. Nicht weil sie einen Auschnitt hat, es ist, weil der Mann jetzt weiß, daß es wegen ihm ist. Da klingelt das Telefon, irgendeine Freundin, irgendein Tratsch. Francesca spricht und gedankenverloren streicht sie dem Fremden den Kragen glatt, die Hand bleibt auf der Schulter. Vielleicht ist sie aber gar nicht abwesend, vielleicht ist ihre Hand, die seit 20 Jahren Richards Hemden bügelt, hochkonzentriert. Wer weiß das schon wirklich. Wer vermag schon mit Sicherheit in einem Gesicht zu lesen, das so nahe scheint und sich so im Endlosen verzweigt. 

Clint Eastwood und Meryl Streep sind hier auf der Höhe dessen, was zwei Schauspieler vor einer Kamera vermögen, unspektakulär und wahrhaftig. Ein Blick, der begehrt, eine Hand, die über ein Kleid fährt, Gesichter, die Geschichten erzählen. Eine tiefe Wahrhaftigkeit, jenseits des Kinos, jenseits der Geschichte. Sanfte, einfache Bilder, eine Küche, Landschaften, so einfach, so schön, so ins Unbestimmte laufend, wie diese Gesichter. Sie sind wunderbar, wenn sie alleine sind. Doch sie bleiben nicht allein. 

Francesca hat sich entschieden, gegen den Traum, für die Pflicht. Da fährt sie mit Richard, ihrem Mann, in die Stadt und sieht Robert, ihren Geliebten. Er fährt das Auto vor ihnen, er stoppt an der Kreuzung, das Kreuz, das sie ihm schenkte, baumelt lockend am Spiegel. Follow me. Robert läßt den linken Blinker die Sekunden messen und wartet an der Kreuzung. „Warum fährt der nicht?“ flucht Richard. Follow me, und die Frau krallt die Hände zusammen, ihr Mann blickt mürrisch überm Lenker, Scheiß Kreuzung. Follow me. Dann fährt der Truck vor ihnen langsam nach links. So long. Wenn Francesca aus dem Wagenfenster schaut, sieht sie den Regen von Iowa. Hier ist der Film zu Ende, doch er hört nicht auf. 

Unglücklicherweise gibt es eine Rahmenhandlung, Francescas Kinder lesen, nach ihrem Tod, das Geständnis der Affäre, deren Rückblende ihnen zur Nutzanwendung dient: Beide, in scheiternden Beziehungen lebend, sprechen daraufhin mit ihren Partnern über das Leben. Dieser andere Film hat mit dem eigentlichen nichts zu tun, nur, daß er ihn verdirbt. Denn er besteht aus langweiligen Fernsehbildern, Bilder und Szenen, wie sie jeden Tag jede Fernsehstation im Vorabendprogramm verramscht. Das nimmt dem Film seine stille Intensität, da verliert er, in jeder Rückblende, an Höhe. So erhält die Geschichte eine Begründung – und trägt doch ihren Grund in sich. 

„Für die Besessenheit“, sagt Robert, „gibt es keine Gründe.“ 

Autor: Henryk Goldberg

Text geschrieben Oktober 1995

Text: veröffentlicht in Thüringer Allgemeine


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1 Gedanke zu „Die Brücken am Fluss

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