Leaving Las Vegas

Der Himmel über der Wüste

Nicolas Cage trifft Pretty Woman – zu spät

„Bist du einsam?“ fragt Juri, während er, ein Betriebsvergnügen, auf seinem Kapital liegt. Sicher, Sera, die 300 Dollar kostet die halbe Stunde, ist einsam. „Das bin ich auch“, sagt der Zuhälter, der ihr bei Gelegenheit die Haut zerschnitt, „das sind sie alle hier. Deswegen sind sie in Las Vegas.“

Elisabeth Shue in Las Vegas hat es nicht so gut getroffen wie einst Julia Roberts in L.A. Auch sie ist eine schöne Frau, auch sie ist eine Nutte mit romantischen Trämen. Indessen, es ist nicht Edward, den sie trifft, der einsame Millionär, nur Ben, der einsame Säufer. Er ist nicht geschäftlich hier, wie ihre Kunden, er hat einen anderen Grund. „Ich bin nur hier, um mich tot zu saufen“, und sie ahnt, daß dies ein sehr präziser Satz ist. Und, wer weiß das schon, vielleicht ist es diese Endlichkeit, die Sera zu Ben treibt, vielleicht, daß ihr das den Mut gibt für einen kurzen Traum vom Leben. Und vielleicht muß diese Liebe deshalb scheitern: Weil das Wissen um hr Ende die Vorausetzun ihres Anfangs ist. Aber vielleicht ist sie das wert.

Familie wäre das falsche Wort. „Ich komme eigentlich nur noch nach Hause“, sagt sie, „um mir den Spermageschmack aus dem Mund zu spülen.“ Ben kann nicht schlafen mit ihr, der Alkohol, für ihn bleibt die Hure ein keusches Wesen. „Vielleicht sollte ich hinterhergehen und einen deiner Kunden fragen, wie es ist, mit dir zu schlafen“, sagt Ben, wenn Sera arbeiten geht. „Vielleicht können wir noch ein bißchen Fernsehen, wenn ich zurückkomme“, sagt Sera, wenn sie arbeiten geht. Vielleicht ist Familie doch nicht das ganz falsche Wort. Vielleicht ist fremdes Glück ein fremder Ort.

Las Vegas ist ein Ort mit Konjunktur. Bugsy, Showgirls, Casino, Honeymoon in Las Vegas, Mike Figgis hat den wohl ernsthaftesten dieser Filme inszeniert. Nicht ganz so intensiv, nicht ganz so tief von einem langen Sterben handelnd wie Philadelphia, wie Dead Man Walking. Dabei, er ist kaüm schlechter. Die Differenz in der Wahrnehmung gründet womöglich in der, von der Figur und ihrem Regisseur gewollten, Einsamkeit des Trinkers. Dieser Alkoholiker, ein sozialer Autist, emanzipiert sich auf die denkbar radikalste Weise von der Welt: Und so wird dieser Film doch kleiner im Zuschnitt, in der Perspektive.

Womöglich ist es für das Kino, wenn es einige Bedeutung erlangen will, noch immer von Vorteil, etwas zu bedeuten oder es doch wenigstens vorzugeben, was nicht mehr meint, als daß seine Figuren – aus irgendeinem Grunde, auf irgendeine Weise – verbunden sind mit den Dingen jenseits des Kinos. Leaving Las Vegas ist gleichsam eine geschlossene Anstalt (deswegen stört der Zuhälter, deswegen bleiben uns Seras Publikums-Ansprachen fremd: Mit Voyeuren spricht man nicht.), nd der Mann da drinnen hat beschlossen, uns hier draußen zu ignorieren: Er will nichts mehr von uns, keine Meinung und kein Mitleid. Er erlebt eine Geschichte, die uns eigentlich nicht mehr benötigt, da er doch selbst Sera kaum benötigt. Das stiftet, neben Respekt, Distanz. Und wie Susan Sarandon Sean Penn zur Hinrichtung begleitet, so begleitet Elisabeth Shue Nicolas Cage bis zu seinem letzten Ort. Dead Man Walking, die Anstalt ist Las Vegas.

Es geht nicht mehr, Ben ist ausgezogen. Dann ruft er an, eine miese Pension, ein mieses Licht, ein mieses Bett. Und dann kniet sie über ihm, und dann weiß er zum erstenmal, wie es ist, mit ihr. Und dann stirbt er. Eine Szenerie am Rande der Albernheit, ohne Zweifel. Sie stürzt nicht ab, das spricht für den Film, der seine ganze Kraft aufbietet, diesem finalen Vollzug die Glaubwürdigkeit zu erhalten – genügend Kraft, ihr auch Eindrücklichkeit zu gewinnen, bleibt nicht. Vielleicht ist es aber auch nur das Wissen um das längst beschlossene und akzeptierte Ende, vielleicht wäre es anders, bewegender, eine Lüge: Das Sterben im Delirium ist eine sehr nüchterne Angelegenheit. Daß dies ein sehenswerter Film ist, verdankt sich neben, natürlich, Mike Figgis, der mit viel Takt und Diskretion inszeniert, den beiden Protagonisten. Elisabeth Shue, Oscar-nominiert und gegen die andere Sterbebegleiterin Susan Sarandon verloren, wird mit diesem Film eine größere Karriere beginnen. Nicolas Cage (Wild at Heart) ist mit dieser Rolle unddem Oscar endgültig in den oberen Rängen angekommen. Wie sie in trauriger Resignation den Mann anschaut, der sterben wird, wie er mit flatternder Konzentration die Flaschen öffnet, die ihn töten werden. Und wie sie, resigniert, zusammen ihren Trämen.

Einmal, da sind sie in ein Motel gefahren, da waren sie dem Glück ganz nahe. Sie läßt den Alkohol über ihren nackten Körper rieseln, Ben saugt das Elixier von Seras Haut, un für einige Momente sind die Wolken zum Greifen nah. Doch der Himmel ist weit. Und die Hure liest die Scherben auf und zahlt die Rechnung.

Dann fahren sie zurück in die Stadt. Leaving Las Vegas, aber ringsum ist nichts als Wüste, nur der Himmel hoch oben. Dort, beschließt Ben, wäre sein Ort. Leaving Las Vegas. Und tut es.

Autor: Henryk Goldberg

Text geschrieben 1995

Text: veröffentlicht in Thüringer Allgemeine

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