Mary Shelley’s Frankenstein

Der Schöpfung ein Stück näher

Branagh beweist, dass Shelley nicht Shakespeare ist

Der Mann rast, fleht, schreit, brennt, er rührt, sägt, näht, tobt. Der Widerschein des Feuers flackert auf seiner Brust, der klebrige Schleim der Schöpfung rinnt herab. „Lebe“ rast er mit verzweifelter Anmaßung, „lebe!“. Es ist der Schauspieler Branagh der hier sein Geschöpf ins Leben schreien will. Aber es ist auch ein wenig, als wolle der Regissur Branagh in verzweifelnder Hysterie sein Geschöpf, den Film, beleben. Dieser Film will davon erzählen, daß der Mensch nicht Gott ist. Das steht nun nicht im Rufe einer Botschaft mit Neuigkeitswert, aber ein Thema ist es allemale. Es wird wohl dieser verstohlen-mysthische Trip in jenes dunkel geahnte Land hinter unseren rationalen Horizionten immer wieder gerngenommen in einer Welt, die immer geheimnisloser, immer heller wird.

„Dracula“, „Wolf“, „Interview mit einem Vampir“ und jetzt „Mary Shelleys Frankenstein“, sie gewähren uns spielerischen Einlaß ins Dunkel, dort, wo wir uns der Schöpfung ein Stück näher wähnen, sie spielen mit unserer Sehnsucht nach einer letzten Welt – und der Furcht, sie zu entdecken: Wenn es einmal gar keine Geheimnisse mehr gibt auf der Welt, werden die Menschen sie sich erfinden. Aber dann erzählt Kenneth Braghan etwas vollkommen geheimnisloses, er erzählt, daß Mary Shelley nicht Shakespeare ist. Der Brite Kenneth Braghan gilt, seit seinem „Heinrich V.“, als einer der wichtigsten Aufkömmlinge des internationalen Kinos mit Anspruch. Eine luftig-heitere Inszenierung von „Viel Lärm um Nichts“, „Peters Friends“, alles Filme, die viel Reputation angehäuft haben, nun die erste Niederlage. Der leichthändige Shakespeare-Jüngling und Regisseur hat die alte Schauergeschichte, die Mary Shelley 1818 schrieb, behandelt, als wäre die neunzehnjährige Autorin der reife Shakespeare und als wäre Branagh der bildermmächtige Peter Greeneway, filmend im Auftrag des National Education Board: Shakespeare, sich in Bildern der italienischen Oper verlaufend, der Soundtrack stützt diesen Eindruck, Sinfonieorchester mit Bildern. Dröhnen des Pathos, bisweilen die ungewollte Ironisierung seiner selbst, ein anmaßendens Mißverhältnis zwischen dem Anspruch der Bilder und ihrer Leere. Nur manchmal geht etwas durch diesen wabernden Brei, das uns hinschauen läßt: Robert de Niro. Die Maske des Monsters läßt nur de Niros Augen frei, und diese Augen sind das einzig Wirkliche, das dieser Film zu zeigen hat. Dann kommt, immer wieder, Branagh auf die Szene, um mit eifernder Pädagogik aufs Katheder zu ächzen und zusammen zufassen: Der Mensch ist nicht Gott. Ja doch, Herrgott noch mal.

Autor: Henryk Goldberg

Text geschrieben Januar 1995

Text: veröffentlicht in Thüringer Allgemeine

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