Mario und der Zauberer

Der Magier im Dorfzirkus

Brandauer verfehlt Thomas Mann

Der Mann sitzt hoch oben auf der Leiter, ein unrasierter Assozialer wohl, ein Alkoholiker gewiß, weiß der Himmel, wie er hinauf kam. Er dirigiert das Mädchen und den Mann unten auf dem Marktplatz, die eine ungelenke Vorstellung geben, zwei vom Rummelplatz. Es ist der Zauberer Cipollo, der Aufmerksamkeit für seinen kleinen Schmieren-Zirkus sucht. Es ist aber auch der Regisseur und Schauspieler Klaus Maria Brandauer, der Aufmerksamkeit für seinen kleinen Film sucht.

Aber er schafft es nicht, denn er scheitert graumäusig-langweilig an Thomas Mann. Und er scheitert nicht, weil es ein Sakrileg wäre, Thomas Mann zu interpretieren, zu verändern auch: Er scheitert, weil er das dramatische Personal, das ihn der Erzähler zur Verfügung stellt in einer Geschichte auftreten läßt, für die es nicht geschaffen ist. Indem Brandauer die Geschichte in einigen gravierenden Details verändert, zerstört er sie.

Bei Thomas Mann ist der Erzähler, der deutsche Schriftsteller, die Perspektive auf die Geschichte, bei Brandauer ist er die Geschichte selbst. Mann erzählt vom Ekel des europäischen Intellektuellen an der 1930 umgehenden Brutalisierung des Kontinents, Brandauer thematisiert die Zögerlichkeiten des feinsinnigen Bürgertums. Thomas Mann nimmt zehn Seiten Anlauf, um auf den Höhepunkt der Geschichte den faszinierend-schillernden Magier zu präsentieren: Brandauer benötigt anderthalb Stunden, dann zeigt er uns einen Dorfzirkus. Nicht der Zauberer stirbt am Ende, Mario wird erschossen in einer Rangelei, die von ernsthaftem Kino so weit entfernt ist, wie Heinz Konzalik von Thomas Mann. Die Zögerlichkeit des Intellektuellen ist schon ein Gegenstand, indessen nicht der dominante dieser Geschichte.Die leise Schmetterlingsfänger-Albernheit im Gestus des deutschen Schriftstellers mag für mancherlei Geschichte taugen, für diese taugt sie nicht. Der Verführer Cipollo – seine beiden erfundenen Helfer drücken Brandauer sachte in ein ledernes Korsett, das ihn stützt – als Täter und Opfer zugleich ist schon ein Aspekt, aber nicht der dieser Geschichte. Denn das Sujet Thomas Manns, die Seele seiner Geschichte, stirbt, wenn die schillernde Faszination des Magiers stirbt. Thomas Mann erzählt in seiner betörenden Sprache die drohenden Verwerfungen Europas als Atmosphäre, er schlägt einen leisen Ton an, wo Brandauer warnende Chöre auf den Marktplatz wuchtet.

In der Erzählung fragt sich der Schriftsteller etwas beunruhigt, wieso er nicht rechtzeitig abgereist sei, es war wohl eine gefährliche und gefährdende Faszination, die ihn hielt. Aber was war es hier?

Autor: Henryk Goldberg

Text geschrieben März 1994

Text: veröffentlicht in Thüringer Allgemeine

 

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