Im Orbit

Rita, die vielleicht Camilla ist, überlebt erst einen Revolver und dann zwei Autos. Sie verliert ihr Gedächtnis und findet Betty, die vielleicht Diane ist, die vielleicht Rita, die vielleicht Camilla ist, hat umbringen lassen. Die beiden Frauen suchen ihre Geschichte rund um den Mulholland Drive, der oben um Los Angeles führt, und da sie das mit viel vibrierender Anmut tun, wollen wir sie nicht stören dabei. Wir wollen das Vergnügen an diesem Film nicht reduzieren, indem wir seine, die eine Geschichte suchen, die alles bruchlos zusammen fügte, die Weltformel des David Lynch. Zumal wir, wie in der richtigen Welt, damit rechnen müssen, dass diese Formel auch in Lynchs Kosmos gar nicht existiert. Und der Meister lächelnd verfolgt, wie die Welt das Rätsel zu lösen begehrt. Derweil wir, ganz leise, denken, es sei ein Film, dessen Geschichte im Internet enträtselt wird, vielleicht doch eher ein großer Spaß als eine große Kunst.

David Lynch, der vor drei Jahren die verstörend wirkliche Straight Story zeigte, darin ein alter Mann auf einem Rasenmäher reist, und vorher den wunderbaren, den großartigen Wild at heart, hat alle Voraussetzungen für die Filmgeschichte.

Er hat die Mittel, er hat die Kraft, er hat die Fähigkeit zur kreativen Halluzination. Aber vielleicht fehlt ihm zum großen, zum wirklich großen Film ein Stückchen Welt. Was Lynch in Mulholland Drive auffährt, das ist, wie bereits in Lost Highway, das Instrumentarium des großen Kinos, das man an der wirkenden Energie erkennt, doch dieses Kino selbst ist es nicht. Lynch hat wohl Gefallen gefunden, die Straßen, nach denen seine Filme heißen, zu verästeln, sie labyrinthisch ineinander laufen zu lassen, bis ihr enigmatisches Muster vollends unkenntlich wird. So heisst Nachdenken über diesen spannenden und anspruchvollen Film, das Muster zu einem dramaturgischen Puzzle zu suchen und das ist ein rein detektivisches Nachdenken.

Diese Arbeit war ursprünglich als Pilotfilm zu einer Serie, ähnlich Twin Peaks, gedacht. Dann wurde diese Serie gestrichen und Lynch fand neue Geldgeber, die ihn einen Nachdreh und eine weitere Postproduktion ermöglichten. Und nichts erzählt mehr über den Geist dieses Filmes als diese Zufälligkeit. Vieles, was in der Serie entwickelt und erzählt worden wäre blieb nun unerzählt und gilt als Geheimnis. Das Eigentliche dieses Filmes also ist nicht seine Story, es ist die Aura des Geheimnisvollen, gleichviel, wie sie erzeugt wird.

Diese postmoderne Beliebigkeit ist wie eine Bewegung im Orbit, wenn links und rechts, oben und unten, Anfang und Ende keine sinnvollen Begriffe mehr sind. In diesem filmischen Kosmos der Beliebigkeit wird die Suche nach Ordnung zu nichts als einem Spaß, die Dinge hören auf, etwas zu bedeuten. Es sei denn, man nimmt das Ende des Bedeutens für eine Botschaft. Und den Umstand, dass der Kosmos Hollywood heisst, dazu.

Autor: Henryk Goldberg

Text geschrieben Januar 2002

Text: veröffentlicht in Thüringer Allgemeine

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