The Place Beyond The Pines (Derek Cianfrance)

Die Sünden der Väter und die 
Chancen der Söhne

Ein nackter Oberkörper, ein Butterfly-Messer. Ein Mann. Er zieht die Lederjacke über die Tätowierungen und er geht seinen Weg und er tut, was er tun muss. Motorradfahren in einem runden Käfig aus Stahl, auf dem Rummelplatz. Hochgeschwindigkeit im Kreis, ohne Ziel, ohne Ankommen.

Dann wird er eine Frau treffen und erfahren, dass sie die Mutter seines Kindes ist. Er wird dem Sohn ein Vater sein wollen, er wird sagen „Er ist mein Sohn und ich sollte für ihn da sein“, er wird ihm das erste Eis kaufen um das Gesicht des Kindes dabei zu sehen. Er wird Banken ausrauben für Mutter und Kind und glauben, er habe hier, auf dem Platz hinter den Pinien, so heißt der Ort in der Sprache der Indianer, seinen Platz im Leben gefunden. Wird glauben, er sei doch angekommen.

Er wird ein Familienfoto machen und dieses Foto wird 17 Jahre später in der Brieftasche des Mannes sein, der den Bankräuber jetzt jagt. Dieser Mann, ein Polizist, wird das Baby des Bankräubers aus dem Bettchen heben, um unter der Matratze die Beute zu suchen. Und das Baby, das der Polizist in den Armen hält, wird 17 Jahre später eine Pistole auf ihn richten.

Darüber, über Schuld und Verstrickung, über Buße und Sühne hat Derek Cianfrance einen der bemerkenswertesten Filme gemacht, die das Kino in diesem Jahr bislang zu bieten hat. Und wenn Ryan Gosling nicht nach einer Stunde aus der Geschichte verschwinden würde, dann wäre er ein ernsthafter Kandidat für den Oscar.

Luke ist ein Mann, ein Tramp, der sein Geld mit Stunts auf dem Motorrad verdient und genau so sieht er aus. Doch als er erfährt, Vater eines Babys zu sein, da fühlt er ein Stück Heimat, ein Sehnen. Und wird, um Moral leben zu können, zum Verbrecher.

Avery (Bradley Cooper), der Polizist, der Luke jagt, wird zum Helden und widersetzt sich der Korruption der Kollegen, die die Beute des Bankräubers unter sich aufteilen wollen. Und wird, indem er seinen Widerstand skrupellos für seine Karriere nutzt, alles verlieren, wofür er stand. Und 15 Jahre später werden sich die Söhne der beiden wiederbegegnen und sie werden den Kampf der Väter fortsetzen. Am Ende dieser langen Geschichte, sie dauert 140 Kinominuten, ist nicht ganz klar, ob sie in eine Rache mündet oder in einen Neuanfang – so benachbart, so gleichrangig möglich, will Derek Cianfrance sagen, sind die möglichen Ausgänge einer solchen Geschichte, ein Ende oder ein Anfang.

Derek Cianfrance erzählt im Grunde drei Filme, drei Geschichten. Die von Luke, dem Bankräuber, die von Avery, dem Polizisten und schließlich die ihrer Söhne, die mit der Geschichte ihrer Väter leben.

Doch er erzählt sie nicht, wie das die Regel ist, parallel, ineinander verschränkt, mit Rückblenden und Einschüben, er entwickelt die Geschichten linear, in ihrer korrekten zeitlichen Abfolge, er leistet sich irgendwann den Schriftzug „15 Jahre später“. Das hat den Vorteil, dass er in Stil und Rhythmus mehrfach wechseln kann, er muss nicht „aus einem Guss“ erzählen, das sind auch stilistisch drei Filme.

Und genau das ist auch das Problem. Denn es sind drei unterschiedlich starke Filme und der Stärkste ist der Erste. So entstehen in der Tat drei Geschichten – oder zwei, die in der dritten zusammenlaufen sollen, ohne dass das wirklich organisch gelingt.

Die erste Geschichte wird getragen von dem exzellenten Ryan Gosling. Ein Kerl wie ein Gewitter und ein sensibler Schauspieler obendrein. Wie er sich sorgfältig die Hände säubert, ehe er vorsichtig sein Kind in die Arme nimmt, als probiere er, wie sich das anfühlt, das normale Leben. Doch nach einer Stunde verschwindet Gosling aus dem Film und mit ihm die Energie, die Kraft. Ryan Gosling als die integrierende Mitte, die eine Geschichte zusammenhält, ist nicht zu ersetzen.

Der zweite Teil lebt nicht mehr, wie der erste, von der Kraft der Bilder, aber hier vermag Bradley Cooper noch die Spannung der moralischen Auseinandersetzung zu halten. Im dritten allerdings, der vornehmlich den Söhnen gilt, ist die Kraft der Geschichte endgültig verbraucht, hier wird die Konstruktion des Buches am deutlichsten, hier hat der Autor Cianfrance dem Regisseur nicht mehr viel Material zu bieten. Hier wird die Erzählung zum notwendigen Vollzug der in den beiden vorhergegangenen Teilen angelegten Konstruktion reduziert, die, so oder so, zu einem Ende geführt werden muss.

Doch wenn man die Summe dieser drei Filme zieht, dann bleibt noch immer: ein sehenswerter Film.

 

Henryk Goldberg, Thüringer Allgemeine

Bilder: Studiocanal

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