Das letzte Schweigen

Beim Internationalen Filmfestival von Locarno Anfang August wurde der deutsche Thriller „Das letzte Schweigen“ vor rund achttausend Zuschauern bei einer der abendlichen Freiluftaufführungen auf der Piazza Grande des malerischen Urlaubsparadieses am Lago Maggiore gezeigt. Der Erfolg war beachtlich.

Ein bisschen albern war in Locarno, dass die Festivalverantwortlichen meinten, sensible Zuschauer vorab auf den Plakaten vor möglicherweise schockierenden Szenen warnen zu müssen. Klar: Wie jeder Krimi, verursacht auch dieser gelegentlich ein Schaudern. Das wird doch aber wohl auch erwartet. Vordergründig inszenierte Brutalität jedoch gibt es keine. Die Warnung war also doppelt überflüssig. Baran bo Odar, der Autor des Drehbuches und Regisseur, erfreut mit einer Inszenierung, die auf Andeutungen setzt, auf Geheimnis, nicht auf eine alles erklärende Dialoglast oder auf schrille Effekthascherei.

Die verschachtelte Story spielt überwiegend im Sommer 2009: 23 Jahre nach der Vergewaltigung und Ermordung einer 11-Jährigen an einem Feldrain verschwindet fast an der gleichen Stelle wieder ein Mädchen im gleichen Alter. Die Polizei ermittelt fieberhaft, die Mutter des ersten Opfers erleidet noch einmal das Trauma, die Eltern der jetzt Vermissten werden fast verrückt vor Angst, und die zwei Männer, die vor beinahe einem Vierteljahrhundert schuldig wurden, verstricken sich nun ausweglos in den Fallen des Bösen. Wer die Romanvorlage kennt, wird überrascht sein: Der Film hat die Handlung kinowirksam verändert, er endet beispielsweise anders als das Buch. Kleines Manko des Films: an ein, zwei Stellen in der Erzählung, wenn Zeitsprünge vorgenommen werden, holpert die Erzählung etwas. Das große Plus des Films sind die Darsteller: Katrin Sass, Sebastian Blomberg, Wotan Wilke Möhring, Ulrich Thomsen, Burkhardt Klaußner und Jule Böwe machen „Das letzte Schweigen“ zum Ereignis.

Katrin Sass spielt die Mutter der 1986 umgebrachten Pia. Die nun Mittfünfzigerin lebt noch immer im selben Haus, hat das Zimmer der toten Tochter so gelassen, wie es zu deren Lebzeiten aussah. Es wäre ein leichtes gewesen, die Frau mit groben Mitteln als psychisch geschädigt vorzuführen. Das passiert nicht. Katrin Sass gibt sie als unterkühlte Person, die scheinbar ein ganz durchschnittliches Leben führt und sich mit ihrem schrecklichen Schicksal abgefunden hat. In vielen Szenen schweigt sie. Doch dieses Schweigen ist ungemein beredt. Es ist faszinierend, wie es der Schauspielerin gelingt, das Grauen mit kleinsten darstellerischen Mitteln präsent zu halten, wie sie etwa mit einem Zusammenzucken auf überraschende Begegnungen reagiert, den Blick nach innen versenkt, in einem Lächeln allen nie überwundenen Schmerz zeigt.

Neben Katrin Sass sticht Sebastian Blomberg heraus. Der vor allem durch hervorragende Bühnenauftritte, etwa am Deutschen Theater Berlin, bekannte Schauspieler verkörpert einen der ermittelnden Polizisten. Auch das ist eine gebrochene Figur. Der Mann hat erst jüngst seine Frau durch Krebs verloren, hält sich selbst nur mühsam am Überleben. Er funktioniert. Sebastian Blomberg nutzt, anders als die Sass, starke Mittel, skizziert das Leid des Mannes zum Beispiel in körperlich extremen Ausbrüchen, in einem durchgehenden Gehetztsein. Auch das ist überaus fesselnd und steigert die Spannung. Die Beiden, Sass und Blomberg, haben nur wenige gemeinsame Szenen. Die sind die Höhepunkte des Films.  Da versuchen zwei Gezeichnete, sich in wortlosem Verstehen aneinander aufzurichten. Sie schaffen es nicht. Es fröstelt einen.

Anders als in vielen Thrillern, setzt der Regisseur nur selten auf althergebrachte Grusel-Momente, wie Licht-und-Schatten-Spiele oder einen grellen Rummelplatz als Symbol des Fürchterlichen. Die düstere Ballade wird interessanterweise überwiegend in hellem Sonnenschein erzählt, in einer berauschend-schönen Landschaft, in angenehm behaglichen Wohnungen. Das steigert das Verstörtsein. Denn da wird einem wieder klar, wie schwer es ist, das Böse zu erkennen. Manchmal ist es geradezu verführerisch, das Böse. Das Giftige glänzt unter der Sonne besonders flirrend. Ein beeindruckendes Regiedebüt!


Text: Peter Claus

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