Wer sich für Klassiker der Filmkunst interessiert, hat in der Regel besondere Ansprüche. Gefragt sind gediegene Aufmachung, das Fehlen von glitzerndem nichtssagendem Schnickschnack, technische Qualität und aussagekräftiges Bonusmaterial. All dies bietet die DVD mit „Gewalt und Leidenschaft“.

„Gewalt und Leidenschaft“ Italien 1975 © Koch Media

Der vor 35 Jahren unter dem Originaltitel „Gruppo di famiglia in un interno“ uraufgeführte Film des italienischen Star-Regisseurs Luchino Visconti (1906 – 1976) hat nichts an Kraft und Faszination verloren. Das liegt insbesondere daran, dass die erzählte Geschichte absolut heutig anmutet: Ein zurückgezogen in Rom lebender amerikanischer Kunstwissenschaftler (Burt Lancaster) vermietet einen Teil seines pompösen Palazzos an die leicht anrüchig wirkende Marchesa Brumonti (Silvana Mangano). Der junge Geliebte der Adligen, Konrad Huebel (Helmut Berger), stürzt den feinsinnigen alten Herrn in ein emotionales und schließlich existentielles Chaos. Und das nicht allein aus erotischen Gründen. Vor allem sorgt der Verdacht, dass der sich als Ex-Anarchist bezeichnende Gigolo ein Terrorist ist, für innere und äußere Unruhe. Der alte Herr, der den Werten einer längst nicht mehr existierenden Welt eherner Werte nachhängt, gleitet unvermeidlich in eine Katastrophe. Das dicht inszenierte Kammerspiel beeindruckt nicht allein als Studie dekadenter großbürgerlicher Lebensweise. Mit scharfem Blick für den Wandel der Gesellschaft, die deutliche Beleuchtung des verhängnisvollen Auseinanderdriftens von arm und reich, beschwört der Film geradezu die Unausweichlichkeit von Gewalt als aufstörendem Ventil und als bösem Motor für Veränderungen. Mit Gänsehaut beschleicht einen der Eindruck, Visconti habe Ereignisse wie den Horror des 11. Septembers 2001 geradezu vorausgesehen. Damit bekommt der Film eine Spannung, die noch größer ist als zur Zeit der Uraufführung. Dazu sorgen die exquisite Inszenierung und das gediegene Schauspiel für einen Hochgenuss.

Technisch gibt es an der DVD-Edition nichts zu mäkeln: Die Bildschärfe, bei vielen DVD ein Ärgernis, ist nahezu durchgehend optimal, die Farben sind kräftig, der Kontrast gut, so dass die ausgefeilte visuelle Gestaltung Viscontis nahezu vollkommen wirken kann. Auch die Tonqualität (Dolby digital) überzeugt, das unvermeidliche Rauschen ist angenehm gering. Beim Bonusmaterial, das auch mit alten Trailern punktet, sticht natürlich ein für die DVD geführtes Interview mit Helmut Berger, mehrfach Viscontis Protagonist und lange dessen Lebensgefährte heraus. Neben aller Information gibt das auch Anlass zum Schmunzeln: der kapriziöse Darsteller mochte den Film zunächst nämlich nicht besonders. 1974 ahnte er nicht, dass „Gewalt und Leidenschaft“ zu einem der wichtigsten Bausteine seiner Karriere werden würde und einer der wenigen Spielfilme, wegen denen er im Gedächtnis des interessierten Publikums bleibt.

Peter Claus

„Gewalt und Leidenschaft“; erschienen bei Koch Media; Sprachen: Deutsch, Italienisch, Englisch (mit Untertiteln); umfangreiches Bonusmaterial

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