Pop-Corn, Cola extra & Cher

1969, als der Tänzer, Choreograph und Regisseur Gene Kelly eine monströse Adaption von „Hello, Dolly!“ mit Barbra Streisand, Walter Matthau und Louis Armstrong herausbrachte, wurde das Ende des Genres Musical beschworen. 1973 kam „Cabaret“ und erneuerte es. Genre. Inzwischen ist alles etwas diffuser, längst gelten Filme, die Musik lediglich zum „Aufpeppen“ nutzen, bereits als Musicals. Ein Beispiel dafür ist „Fame“ (1980). In den letzten Jahren nun haben Hits wie „Chicago“ und „Hairspray“ das gute alte Handlungsmusical, in dem die Story so wichtig ist wie die Show, reanimiert. Da ist sympathisch, dass „Burlesque“ nun gar der Burlesque-Show huldigt.

Die Burlesque-Shows haben sich aus den Burlesken entwickelt, Theaterstücken, die mit groben Späßen nichts als unterhalten wollen. Zunächst, im 19. Jahrhundert, Anfang des 20., waren Burlesque-Shows Revuen mit viel Artistik, Clownerie und spärlich bekleideten Frauen. Die bekleidet blieben! Allein das Abstreifen eines Handschuhs war eine Sensation! Erst seit Ende der 1920er Jahre wird gestrippt. „Die Nacht, als Minsky aufflog“ (1968, Regie William Friedkin, mit Britt Ekland und Jason Robards in den Hauptrollen; hierzulande leider nicht auf DVD zu haben) erzählt schön schräg davon. Seit Jahren sind Burlesque-Shows, zumindest in den USA, nur noch platte, oft fast pornographische Zurschaustellungen üppiger Blöße.

Das bietet der Film nicht. Autor und Regisseur Steven Antin verehrt das Original und feiert es. Sehr familienfreundlich wird das Aschenputtel-Motiv variiert. Das ist so verlockend wie eine Riesenportion Pop-Corn mit Cola extra. Hier wird pausenlos auf die Tube gedrückt. Im Zentrum steht die Provinz-Kellnerin Ali (Christina Aguilera). Sie will in Los Angeles ein Star werden. Also haut sie ab. Dass sie was kann, beweist sie sich kurz zuvor selbst, in dem sie in der Kneipe, kein Mensch außer ihr ist anwesend, singt und tanzt. Singen kann sie großartig. Ali hat, ganz klar, das Zeug zum Star. Und so ist der Ausgang schon am Anfang sonnenklar. Was da nun an kleiner Story abrollt, mit den Zutaten Liebe und Neid garniert, ist zu voraussehbar, als dass es wirklich interessiert.

Cher, Stanley Tucci und Kirsten Bell (Nie wieder Sex mit der Ex) als zickiges Showgirl, das Ali an die Wand drängen will, haben tolle Auftritte. Sie wirken wie seelenvolle Sahnehäubchen in der Flut von oft sehr konstruiert anmutenden Show-Einlagen. In denen kann Christina Aguilera als Sängerin alles geben – und sie gibt alles. Das haut einen um. Nur: Als Darstellerin hat sie, die Schauspiel-Debütantin, recht wenig zu geben. Das ist noch okay. Doch als Tänzerin gibt sie gar nichts. Das ist peinlich. Sie wirkt hölzern. Natürlich sitzt jeder Schritt exakt. Aber zur Exaktheit kommt kein Esprit, von Erotik ganz zu schweigen.

Und so ist eben doch Cher, 34 Jahre älter als die Aguilera, der eigentliche Star. Ihr bester Satz: „Große Kunst kommt immer aus großem Schmerz.“ Als erstaunlich faltenfreie Club-Besitzerin Tess gibt sie dem Knallbonbon eine besondere Überraschung: Gefühl. Unterstützt wird sie von dem wie immer großartigen Stanley Tucci. Sein Markenzeichen auch hier: intelligenter Witz, der in messerscharfen Dialogen funkelt. Er hat seine schönste Szene, wenn er als Sean, Inspizient des Burlesque-Clubs, also dessen gute Seele, Tess (Cher) seine Liebe erklärt. Die Zwei tanzen und lächeln und schweigen. Man möchte sie knuddeln.

Solche feinen, kleinen Momente versöhnen weitgehend mit der platten Story und damit, dass Christina Aguilera als Sängerin brillant ist, ansonsten aber nicht mitreißt. Ein paar der Songs werden bleiben. Und die Erinnerung an das Lächeln von Cher und Stanley Tucci. Sie machen „Burlesque“ zum kuscheligen Wohlfühl-Filmchen. Dem Genre Musical geben sie allerdings keinen Auftrieb.

Peter Claus

Burlesque, Steven Antin (USA 2010)

Bilder: Sony Pictures


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