Another Year (Mike Leigh)

Der Engländer Mike Leigh hat sich über die Jahre als Chronist des Lebens der sogenannten kleinen Leute, vornehmlich aus der Arbeiterklasse, einen Namen gemacht. Seine grüblerischen Sozialporträts waren oft von tiefem Pessimismus geprägt. Vor drei Jahren sorgte er dann mit der lauten Farce „Happy-Go-Lucky“ für eine Überraschung. So ausgelassen, fröhlich, optimistisch wie dieses Porträt einer hoffnungslosen Optimistin war keiner seiner Filme zuvor gewesen.

„Another Year“ nun verknüpft das Grüblerische und das Ausgelassene perfekt. Mike Leigh zeigt Szenen der Ehe von Tom (Jim Broadbent) und Gerri (Ruth Sheen) im Klang der vier Jahreszeiten. Verschiedene Gäste, darunter der Sohn der Beiden, und deren Geschichten dominieren den Reigen. Am Ende steht eine Beerdigung. Kurz: Der Film erzählt ein Nichts an Story. Aber, wie er das tut!

Heititei wird nicht geboten. Das Entscheidende: die unzerstörbare Liebe von Tom und Gerry, ihr Vertrauen zueinander, die Unerschütterlichkeit ihres Zusammengehörigkeitsgefühls. Dass er sie zu Helden macht, zeugt von einem erstaunlichen Optimismus: Glück ist haltbar, so die unaufdringliche Botschaft. Um die Zwei gibt’s kleine und große Katastrophen. Das Paar wankt und schwankt nicht in seiner schönen Gelassenheit.

Die zauberhafte Ausstrahlung des Films, der einen überaus beschwingt und heiter entlässt, kommt im Wesentlichen von den Schauspielern, die Mike Leigh zu Höchstleistungen geführt hat. Die zwei strahlen eine Liebenswürdigkeit aus, die man als Geschenk empfindet. Man hätte sie gern als Freunde.

Es wird noch in den kleinsten Rollen exzellent gespielt. Lesley Manville als eine der Besucherinnen, brilliert im Part einer tragischen Figur. Sie spielt eine Frau, die sich selbst so sehr in ihre eigenen Lebenslügen verstrickt hat, dass sie unentwegt im Aus landen muss. Am Ende, im Winter, sitzt sie zusammengesunken, ein Häufchen Elend tatsächlich, bei Tom und Gerry. Was sich da nur in den Augen von Lesley Manville abspielt, ist schlicht meisterlich. Da wird das Bittere greifbar, das die Süße des Zusammenseins der Hauptfiguren erst so recht zur Geltung bringt.

Getragen von Weisheit, die auf althergebrachten Säulen wie Würde und Nächstenliebe ruht, und getönt von leise-hintergründigem Humor, wird dieser Ausflug in Nichts als das ganz banale Leben zu einem Glanzstück der Kinokunst für alle, die es anspruchsvoll auf unterhaltsame Art mögen.

Peter Claus

Another Year, Mike Leigh (Großbritannien 2010)

Bilder: Prokino

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2 Gedanken zu „Another Year (Mike Leigh)

  1. Endlich mal wieder ein Film, der durch seine einfache Art und Weise, das Leben zu betrachten, genau die Wahrheit hervorholt, die in den Menschen schlummert. Warum scheitern denn Menschen? Worauf kommt es wirklich im Leben an? Wie hoch hängt das Glück im Leben? Im Falle von „Tom und Jerry“ ist es so einfach und doch so schwer zu haben, weil uns so viele Dinge verblenden. Für mich ist es kein perfektes Paar, sondern Menschen, die es geschafft haben, das Wesentliche im Leben für sich entdeckt zu haben. Dass andere daneben so gescheitert wirken, zeigt nur den grandiosen Blick von Leigh, den er mit viel Einfühlungsvermögen und zugleich schonungsloser Offenheit inszeniert. Ein gelungener Spiegel des Lebens!

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