Sechste und letzte Verbeugung vor dem Kinderbuchkaplan Berthold Lutz

Das Geheimnis von Kalvaria

Was bisher geschah: Nach der Währungsreform ernennt der Verleger Georg Popp den  Jugendkaplan Berthold Lutz zum Schriftleiter der Bubenzeitschrift „Unser Guckloch“: ein dünnes, holzhaltiges Heft, das besonders durch seine Ministranten-Pin-ups erfreut.

Silvester 1960 scheidet Berthold Lutz – die Pflichten drohen ihn inzwischen aufzufressen – aus der Schriftleitung aus. Nicht nur, dass er in zehn „Guckloch“-Jahren fast 20 Kinderbücher verfasst hat, zwischen 1957 und 1959 stampft er auch noch, sozusagen im Vorbeigehen, 260 Pfarrbüchereien aus dem Boden. Von denen im Jahre 2005 noch über 200 in Betrieb sind – so steht´s im „Würzburger Katholischen Sonntagsblatt“ vom 2. Oktober 2006.

Lutzens Nachfolger wird Barthold Strätling, der das Traditionsheft bis 1968 leitet. Jenes Jahr, in dem, wie das November-Editorial mitteilt, „endlich auch der katholische Sauerteig aufgewacht“ ist und „in sich zu gären“ beginnt. Wie problematisch es für das Gemeinwesen ist, wenn der Teig erwacht, hatten die Brüder Grimm in Der süße Brei erzählt – eine Warnung, die an Barthold Strätling vorbeigegangen sein dürfte: Der lässt 1968 seine Thesensammlung Geschlechtserziehung als Auftrag der Schule erscheinen, zum Druck befördert vom pallottinereigenen Lahn-Verlag, denn der März-Verlag, der zuständig gewesen wäre, existiert noch nicht.

Unter Strätling, der das mittlerweile 52-seitige Magazin mit wehenden Fahnen der neuen Zeit und damit dem Untergang entgegenführt, müssen über Nacht nicht nur der fröhliche Name, sondern auch die Pin-ups weichen. (Die schöne Sitte des Ministranten-Pin-ups sollte Mitte der siebziger Jahre im Fachblatt „Leuchtfeuer Ministrant“ eine späte, heftige Blüte erleben, dank Pater Diethard Zils, einem Dominikaner, der mit seinen Mannen noch heute im Kölner Raum ohrenbetäubende Beatmessen feiert.)

Aus „Unser Guckloch“ wird „Das neue Guckloch“, eine „moderne Jugendzeitschrift“, die sich in ihrer Fortschritts- und Technikgläubigkeit kaum vom Schund der Konkurrenz unterscheidet – mochte dieser sich „Mücke“, „Stafette“ oder, wie das Blatt, in dem Ulrich Wickert sich die Sporen verdient, „Rasselbande“ schimpfen. Der Ära Strätling folgt ein Lustrum des Niedergangs, und im März 1973 darf die Lackaffenkapelle Ekseption eines der letzten trostlosen Cover zieren.

Wen wundert´s, dass Strätling heute als eine Art Gorbatschow der katholischen Kinder- und Jugendpublizistik gilt? Woran, will man Gerüchten aus längst geschlossenen Verlags- und Redaktionsstuben glauben, eine persönliche Note Mitschuld tragen dürfte, die ihn, zumindest äußerlich, in die Nähe des Grammy-* und Nobelpreisträgers  rückt. Angeblich ziert Strätlings Kopfhaut das Feuermal. Eine Folge des Satanskusses, den er 1968 empfangen hat?

Als Lohn für die Zertrümmerung jenes Bubenreiches, das Lutz und Popp einst aus Frohsinn, Herzblut und holzhaltigem Papier errichtet hatten, mit nichts als einer Schere, einem Leimtopf und einer Schubkarre voller Hirn- und Muskelschmalz, wie die Festschrift zum Zehnjährigen Guckloch feiert Geburtstag sich stolz erinnert?

Zwei alte Kinderbuchhasen

In der Blütezeit des Magazins sind sogar die Anzeigen handverlesen. Schließlich, so Lutz,  „wollen wir Dir dadurch solche Firmen vorstellen, die unser Vertrauen besitzen und von denen Du immer besonders gut bedient sein wirst“. Treueste Kundin ist, ab ihrer Gründung, die Bundeswehr. Häufig werden auch das „Fahrtenrundzelt Jörg“ und die hauseigenen Sammelmappen angeboten, in die man seine Hefte „bombensicher und stramm“ einheften kann. Dazwischen tummeln sich im Jammerton gehaltene Anzeigen der Herz-Mariä-Missionare, die Spätberufene für ihr heruntergekommenes Apostolat suchen, und Annoncen der Firma Colex, deren ärztlich erprobte „Gehirn-Nahrung“ dem stieseligen Pennäler auf die Sprünge hilft. Auch Produkte aus dem Hause Erika Klopp werden annonciert, denn Popp und Klopp gesellt sich gern.

Gesuche nach Spätberufenen sind im Bruderblatt „Leuchtturm“ gleichwohl besser aufgehoben, einem Fachblatt für Oberschüler und Studierende, das Lutz sporadisch mit infantilen Gastbeiträgen bestückt und das ebenfalls im Arena-Verlag erscheint. Zum Redaktionsstab zählen alte Kinderbuchhasen wie Dr. Franz Mahr und Erich Rommerskirch.

Dr. Franz Mahr, der nachmalige Stadtpfarrer von Hammelburg, hatte 1939 mit Aufbruch ins Leben einen in Nachkriegsauflagen um acht abwaschbare Kunstdrucktafeln optimierten „Führer für 14- bis 18-jährige Jungen aus der Reifezeit ins Mannestum“ vorgelegt. Der Zeitpunkt war glücklich gewählt, denn mit dem Tausendjährigen Reich war die Ära der Parteitags-, Pilz- usw. Führer angebrochen. 1941 gelang Mahr in seinem zweiten Jungenbuch Wenn du doch erkenntest … der Nachweis, „daß der Nazismus schlimmer sei als das Judentum … Aber die Nazis konnten das begreiflicherweise nicht ertragen“, klagt im Januar 1955 der „Leuchtturm“, worauf das Werk beschlagnahmt und eingestampft worden sei. „Wohl dem, der noch ein Exemplar gerettet hat.“

Zu dem vielseitigen Sachbuchautor, der ab 1951, inzwischen umschwärmter Religionslehrer im Unterfränkischen, der Neudeutschen Jungengemeinschaft und damit einer Gliedgemeinschaft des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend vorsteht, gesellt sich bei Redaktionskonferenzen ein wind- und wetterfester Soldat Christi: Erich Rommerskirch hat in der „SS des Papstes“, wie sein Mitbruder Johannes Leppich die Gesellschaft Jesu auf Vortragsreisen nennt, von der Pieke auf gedient und tut das dort erworbene Wissen, kindgerecht verpackt, im Nürnberger Sebaldus-Verlag kund. Einem Unternehmen, das die buntscheckigste Prosa (Hitler und Rom, Notpeterle und das Zauberrädchen), aber auch Jugendzeitschriften wie „Liliput“ im Angebot hat. Letzteres ein „Guckloch“ für Laxe, das von der „Funktionsweise eines Kachelofens“ oder vom „Kartoffelkäfer als Feind der Menschheit“ viel, vom lieben Gott wenig zu erzählen weiß.

Dieser Befund trifft leider auch auf das Journal „Jugendlust“ zu, das von Ahnungslosen gern mit „Sonnenfreunde“ oder „Jung und Frei“ verwechselt wird. („Jung und Frei“ wurde 1996 indiziert und bald darauf eingestellt, ein Schicksal, das der Namensvetterin „Junge Freiheit“  erspart blieb.) Die angeblich „älteste Jugendzeitschrift der Welt“ wird, nachdem sie vom Sebaldus- zum Domino-Verlag gewandert ist, in „Flohkiste/floh!“ umgetauft; unter diesem unappetitlichen Titel erscheint das Organ noch heute.

Doch zurück zu Rommerskirch. Sein Erstling Jungen im Gottesreich handelt, wie das Geleitwort ankündigt, „von den spannendsten und atemberaubendsten Dingen, die es gibt“. Der Verdacht, hier wildere einer in Lutzens Revier, ist abwegig. Das Imprimatur wurde am 30. Januar 1950 gewährt, da lag das Debüt des Würzburgers (Druckerlaubnis: 10. Oktober) noch in den Windeln. Und so darf Jungen im Gottesreich als – wenn auch düsteres – Seitenstück zur Leuchtenden Straße gelten.

Wenn die Weihrauchkessel tanzen

Das schmale Bändchen („Schlag auf! Fang an!“) beginnt rasant wie Tom Sawyer. „Das Bettgestell kracht“, und mit einem Satz steht ein Bub an der Waschschüssel. „Heil dem jungen Tag!“ Laut prustend wird der Kopf untergetunkt, und ein paar Rumpfbeugen später ist bereits das Morgengebet verrichtet, die erste Audienz des Tages. „Ist das schon die Mutter, die mit den Kaffeetassen klappert? Was habe ich doch für eine feine Mutter!“ freut sich der Bub und steckt den Finger ins Becken. „Von der Stirn zum Herzen, von Schulter zu Schulter! Wie ein Krieger Rüstung und Helm anlegt“, so betupft er sich mit dem duftenden Zeichen des Kreuzes.

„Lege auch du diese Rüstung an“, rät Rommerskirch dem schulpflichtigen Leser, „und wenn du dich mit dem Kreuzzeichen zeichnest, denke daran, daß es das Zeichen des Opfers ist!“ Und schon stürmt der Junge – „quellfrisch“ wie Huck Finn und „wurzelecht“ wie Heini Völker – durchs Schultor. Die Angst, daß die ärztlich erprobte Gehirnnahrung nicht anschlagen könnte, kennt er nicht. Warum auch? „Das wahre Zeugnis schreibt mein Vater im Himmel.“ Und das bedeutet, daß die blauen Briefe am Jüngsten Tag eintreffen, dann, wenn alle Briefträger tot sind.

„Aber wißt ihr auch, daß ihr durch viele Tore gehen werdet? Tore, die sich langsam auftun werden mit lockendem Geheimnis? Oder die jäh und schreckhaft aufspringen. Aus deren Öffnung geheimnisvolles Leuchten kommt oder eine undurchdringliche Finsternis lauert.“ Das klingt heiter und verspielt, bis hinein in die kleinen Rätsel des Satzbaus – eben wie guter alter Lutz. Doch ab Seite 40 schlägt Rommerskirch andere Töne an. Nachdem er uns eingeseift hat, stößt er uns in ein düsteres Loch. Die Tore des Xantener Doms schlagen hinter uns zu, und das harmlose Jungenbuch entpuppt sich als Bubenstück.

Im Schrein des Hochaltars, unter dessen Aureole sich, wenn die Weihrauchnebel steigen, das „Geheimnis von Kalvaria“ vollzieht, modern die Gebeine der Blutzeugen. „Ihr Blut ist der Mörtel, der diese gewaltigen Steine verbindet“, schwärmt Rommerskirch und weidet sich, als hätte Dracula persönlich die Fugen verputzt, an der Bausubstanz: „Die Freude des Christen trägt die Züge eines alten, adligen Bluterbes.“

Aus dem bluttriefenden Gottesreich – drei Jahre später schrieb Erich Rommerskirch den Fantasyschocker Todesstrahlen und Lebenszeichen – zurück auf die leuchtende Straße, in das heimliche Königreich mit seinen Saugrüsseln, Kolbenfressern und Freiluftpredigten. Aus der schönsten sei zum Schluß noch einmal zitiert. Während die Buben „sich fast gleichzeitig mit ihm ins Gras“ werfen, feiert der junge Priester den „Wunderbau“ ihres Leibes: „wie die Schulterblätter unter der seidigen Haut des Rückens hin und her spielen und wie das Rückgrat sanft und allmählich in die gedoppelte blühende Wölbung der üppigen Gesäßbacken ausschwingt und wie das großartige Astwerk der Adern und Nerven über die Achseln hin bis in die äußersten Fingerspitzen sich verzweigt“ – pardon, jetzt bin ich in den Zauberberg geraten, an dessen „Walpurgisnacht“-Kapitel die „Wunderbau“-Predigt erinnert.

Wie das fleißige Herz („kaum faustgroß“) täglich 12.000 Liter Blut pumpt, wie das wackere  Auge jedes Bild naturgetreu in all seinen Farben aufnimmt, kein Über- und Unterbelichten, geschweige Verwackeln kennt („da kann die teuerste Leica nicht dran tippen!“), wie das ausgeklügeltste Telephonnetz eine Stümperei bleibt gegen unser Nervensystem – das alles könnte ein guter Geist aus dem Zauberberg in Die Leuchtende Straße hineingezaubert haben, wären die Sätze unterwegs nicht kürzer und dabei kunstloser geworden. Auch in Sachen Namensgebung reicht der Würzburger nicht an den Lübecker heran. Was sind Emil Knatterblech, der große Rennfahrer, Prokurist Scheuerlein und Direx Kreidekloß gegen Konrad Knöterich, Lobgott Piepsam und Meta Nackedey? Gegen Doktorin Gnadebusch und all die Klöterjahns, Mindernickels und von Lichterlohs?

Ob Zauberei oder nicht, im Sommer 1987 leistete mir das „Wunderbau“-Kapitel wertvolle Dienste. Als ich mir über Nacht eine Predigt ausdenken mußte, um den wichtigsten Splattereffekt meines Films „Der Glanz dieser Tage“ (vgl. Teil 1) einzuleiten bzw. zu beglaubigen, griff ich anstandslos zur Leuchtende Straße. Während der Prediger davon schwärmt, was es Großartiges sei „um das  Spiel der Gelenke: wie die Finger in die Hand übergehen, wie die Hand mit dem Arm verbunden ist, wie der Arm schließlich freibeweglich im Schultergelenk sitzt“, schneidet er sich mit einem Küchenmesser frohgemut die linke Hand ab. Eine Verbeugung vor Resl von Konnersreuth, dem Hardcorestar der zwanziger – die dreißiger und vierziger darf man in Sachen Hardcore kaum rechnen – bis sechziger Jahre.

Als der Film 1989 in die Lichtspielhäuser kam, hatte ich mich ausführlich bei Berthold Lutz bedient. Dreimal habe ich ihn zitiert, am Anfang, in der Mitte und am Schluß. Niemand hat`s gemerkt, und dem Film hat’s gewiß nicht geschadet. Schon die Begrüßungsformel – „Kehre um, wenn der Film nicht so ist, daß Deine Mutter dabei sein dürfte!“ – war lupenreiner Lutz, und so ist diese Plauderei über alteFrechdachs- und Wirbelwind-Bände auch eine Verbeugung vor einem großen Gedankengeber, Textschenker und Anfeuerer.



„Vom Wunderbau Eures Leibes“: Storyboard von 1987 Wenzel Storch: Der Bulldozer Gottes. (Ventil Verlag)



Was aber bleibet?

Heute ist das Werk des wirkungsmächtigen Kinderbuchkaplans unhebbar versunken. Die Geschichten von Waldi, dem „Jagdhund Gottes“, die Grashüpfergedichte („Oh weh, kleiner Reiter, zirpzirp!“), die Blütenträume der Leuchtenden Straße: vergriffen oder in alten „Guckloch“-Heften begraben. Keine Frechdachs-, schon gar keine Lutz-Statue schmückt den Würzburger Markplatz. Vergessen sind Mann und Werk, von den surrealen Anfängen (Dein Gesicht gehört Dir nicht! heißt eine frühe Meditation über das Fratzenschneiden) über neusachliche Schockdichtung (Kreuzspinne rammt uns, U-ZET hat einen blinden Passagier an Bord) bis zu den späten, abseitigen Basteltipps, in denen Hirten und Kamele aus Ytong gefertigt werden, einem Stein, den man mit einem alten Löffel und Sandpapier leicht bearbeiten kann.

In über zwanzig Aufklärung- und Anstandsfibeln hatte der 87-Jährige, von dessen linker Brust das Bundesverdienstkreuz lacht, den Charakterpanzer gefeiert, ohne freilich das hochtrabende Wort in den Mund zu nehmen. Als sein Stern zu sinken begann, traten neue Männer auf den Plan, Männer wie Otto Muehl, die den besagten Panzer nicht hegen und pflegen, sondern knacken wollten.

Muehls Panzerknacker trugen zwar keine Larven im Gesicht, aber sie hatten es auch nicht auf Onkel Dagoberts Geldspeicher abgesehen (in puncto Haarputz orientierten sie sich am Redaktionsmaskottchen der Fernsehzeitschrift „Hör Zu“). Auch die Vorträge, die Otto Muehl, zumeist mit heruntergelassener Hose, vor seinen Getreuen hielt, waren weit vom Wortwitz eines Carl Barks entfernt. Doch wer weiß? Vielleicht geht auch dieser Lutz-Epigone, dessen Werke derzeit im Wiener Leopold-Museum ausgestellt sind, einst in den Schoß Gottes ein? Zu wünschen wäre es ihm, denn die von ihm erfundene „Watschenanalyse“ könnte alten „Guckloch“-Heften entlehnt sein.

Was Muehl, heute 85, nicht ahnen kann: Sobald das Lebensschiff in den Glückshafen einfährt, geht es noch einmal richtig ab. „Gott schafft den Menschenleib neu: schöner, verklärt, fähig, eine Ewigkeit teilzunehmen an dem jauchzenden Leben der Liebe und Freude in Gott“, heißt es in „Eine Jahreszahl mit mehr als tausend Nullen“, dem anspruchvollsten Kapitel der Leuchtenden Straße, das einen Ausflug in die futuristische Eschatologie unternimmt.

Wie das funktioniert? „In den verklärten Leibern ist die tote Schöpfung mitverklärt. Der Stoff jauchzt auf“, malt Lutz ein leichtverständliches Bild elysäischer Dialektik. „Das Leben hat seine höchste Vollendung erfahren, weil es nun kein Sterben mehr gibt! Leben, Leben, Leben – trunken vor Freude fallen wir Gott zu Füßen: Du hast alles gut gemacht, Herr!“

Autor: Wenzel Storch

Erschienen in „konkret“ 12/2010

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