Xavier Dolan aus Kanada war gerade mal 20 als er 2009 beim Filmfestival in Cannes mit „I Killed My Mother“ begeisterte. Tatsächlich ist das ein Film, der einen staunen lässt, allen zu empfehlen, die es gern kunstvoll und gedankenreich mögen.

Die Geschichte beginnt mit einem verblüffenden Geständnis: der 17-jährige Hubert (Xavier Dolan) erzählt in die Kamera, dass er seine Mutter hasst. In der Schule behauptet er deshalb auch, dass sie tot sei. Doch Chantale (Anne Dorval) lebt, zusammen mit ihrem Sohn in einem Haus in Québec. Dort wird meist gestritten. Die Zwei kommen nicht zueinander, gehen aber auch nicht endgültig auseinander. Beide geben sich immer wieder eine neue Chance. Doch Beide verspielen diese auch regelmäßig. Die Lehrerin Julie (Suzanne Clément) ermutigt Hubert zum Schreiben. Was wird Mama dazu sagen? Und wie wird sie erst reagieren, wenn Hubert ihr Antonin (François Arnaud), seinen Liebhaber, präsentiert? Heißt es dann vielleicht „I killed My Son“?

„I Killed My Mother“ ist eine furiose Variante altbekannter Geschichten um die Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens. Dolan bekennt sich dabei zu seinen ästhetischen Vorbildern, etwa zu Wong Kar-Wai, Darren Aronofsky oder François Truffaut. In Huberts Zimmer hängt nicht zufällig ein Plakat zu Truffauts „Sie küssten und sie schlugen ihn“. Manchmal gewinnt die Form unverhältnismäßig stark die Oberhand über die Story. Meist aber ist das Gleichgewicht von Form und Inhalt gewahrt. Xavier Dolan, der auch als Hauptdarsteller überzeugt und fesselt, versucht sehr geschickt, das Seelenleben der Figuren zu ergründen. Wenn er zum Beispiel Mutter und Sohn gemeinsam zeigt, dann macht er das Trennende zwischen ihn raffiniert deutlich, indem er sie so fotografiert oder die Bilder so montiert, dass es wirkt, als stünden sie meilenweit voneinander entfernt. Angenehm: Das Thema Sexualität wird nicht verschämt abgehandelt, aber auch nicht grell, sondern wie nebenbei, mit selbstverständlicher Diskretion und auch Lust. Das rundet das Vergnügen an der skurrilen Story, die geradezu neckisch verpackt ist, endgültig ab.

Peter Claus

I Killed My Mother, Xavier Dolan (Kanada 2009)

Bilder: Kool

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