Wer kennt das nicht: Morgens läuft ein Song im Radio – und das Gedudel geht einem den ganzen Tag nicht mehr aus dem Sinn. Das ist so nervend, wie es harmlos ist. Seltener, aber gewichtiger: Manchmal kann ein Lied tatsächlich ein Menschenleben nicht nur begleiten, sondern verändern. Und das ist dann mitunter sehr dramatisch.

Geschichten solcher Art können handfesten Kintopp ergeben. Darauf zielt Regisseur Florian Cossen mit seinem Debüt offensichtlich ab. Siehe da: Er trifft. Seine Protagonistin wird von einem Kinderlied emotional vollkommen überschwemmt und weiß nicht warum. Es ist in Spanisch. Das spricht sie nicht. Sie forscht nach. Und schon entwickelt sich eine höchst spannende Story. Die Handlung hat als Hintergrund die Zeit der argentinischen Militärdiktatur. Erfreulicherweise hat dies das Drehbuch und die Regie nicht überladen. Das Persönliche dieser Geschichte bestimmt den Film, der angenehm unaufgeregt daherkommt.

Maria (Jessica Schwarz) und ihr Vater Anton (Michael Gwisdek) sind die Protagonisten. Er hat sie 1980 als Kind von Buenos Aires nach Deutschland mitgenommen. Ihre Eltern wurden von den Militärs verschleppt. Als sie dies nun erfährt, ist sie schockiert. Warum hat ihr nie jemand gesagt, dass sie ein Adoptivkind ist? Was ist aus ihrer argentinischen Familie geworden? Diese zwei Fragen bestimmen das folgende Geschehen.

Zum Hintergrund: Von 1976 bis 1983 wurden unzählige, vermutlich hunderttausende Bürger in Argentinien entführt, gefoltert und ermordet. Wer auch nur den Anschein erweckte, gegen die Militärdiktatur zu sein, musste um sein Leben fürchten. Bis heute sind viele Fälle nicht geklärt. Der Umgang mit dieser Vergangenheit ist nach wie vor ein umstrittenes Thema in Argentinien. Schweigen und Vergessen fordern die einen, Aufarbeitung die anderen. Dieser Diplomfilm der Filmakademie Baden-Württemberg nimmt sich nicht heraus, diesbezüglich ein Urteil abzugeben, gar Ratschläge zu erteilen. Der Blick von außen bleibt gewahrt. Das entspricht der Perspektive der Hauptfigur. Denn Maria ist durch ihren Lebenslauf und durch ihre Erziehung eine Deutsche.

Der Film wird wesentlich von den beiden Hauptdarstellern geprägt, die der junge Regisseur klug geführt hat. Jessica Schwarz agiert in keinem Moment grob und gibt der Figur der Maria gerade durch die Zurückhaltung im Spiel eine nachvollziehbare Motivation. Michael Gwisdek, dem das Drehbuch sehr viel weniger Spielraum vorgab als Jessica Schwarz, stattet den Anton mit einer lauernden Verzweiflung aus. Sehr genau lässt er spüren, ohne dass er dazu vordergründig werden muss, dass dieser Mann plötzlich Angst haben muss, mit dem einst Richtigen letztlich Falsches getan zu haben, und dass er wohlmöglich sogar seine geliebte Tochter verlieren könnte. Sehr beeindruckend. Neben den Beiden und neben den ganz wunderbar authentisch wirkenden argentinischen Akteuren, die in oft sehr kleinen Rollen einprägsame Charakterskizzen offerieren, kommt der argentinischen Hauptstadt eine Schlüsselrolle zu. Der Regisseur verzichtet auf Postkartenmotive. Er zeigt Alltag. Die Stadt wirkt atmosphärisch vollkommen ruhig. Doch ist stets spürbar, dass im Untergrund einiges brodelt, dass diese Ruhe trügerisch ist.

„Das Lied in mir“ ist kein Film für Action-Fan. Florian Cossen lässt sich Zeit, die Geschichte zu entwickeln. Dabei umkreist er vor allem das universelle Thema der Suche nach dem eigenen Ich. Zusammen mit seinen Schauspielern gelingt ihm dabei ein mit emotionaler Kraft überzeugendes Drama über die Unmöglichkeit, immer nur sich selbst als Mittelpunkt der Welt zu sehen.

Peter Claus

Das Lied in mir, Florian Cossen (Deutschland / Argentinien 2010)

Bilder: Schwarz-Weiss


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