„The King‘s Speech“ von Regisseur Tom Hooper gibt Colin Firth, spätestens seit „A Single Man“ (2009) Englands Top-Star, wenn es um differenzierte Charakterstudien geht, wieder einmal die Chance für eine extraordinäre Darstellung.

Firth brilliert als Prinz Albert, späterer König von England, von allen nur „Be-Be-Bertie“ genannt, was nicht liebevoll gemeint ist. Das prinzliche Problem: er stottert zum Gotterbarmen. Zusammen mit seiner Gattin (Helena Bonham Carter) versucht er nach einer öffentlichen Pleite über Jahre alles nur Menschenmögliche, den Makel abzustellen. Doch nichts hilft. Zum Glück ist Albert nicht der älteste Sohn von König George V (Michael Gambon). Sein Bruder David (Guy Pearce) wird als Edward VIII die Thronfolge antreten. Doch Unglaubliches geschieht: Nach nur zehn Monaten dankt Edward ab, um eine geschiedene US-Amerikanerin zu heiraten. Der „Kleine“ muss ran. In seiner Not sucht er den Sprachtherapeuten Lionel Logue (Geoffrey Rush) auf. Doch es ist fraglich, ob dessen unkonventionelle Methoden wirklich hilfreich sind. Und: Die Zwei sind sich auf Anhieb unsympathisch.

Colin Firth porträtiert Prinz Albert, schließlich König George VI, als Mann, der in seiner Herkunft gefangen ist, und nie, nicht einen Moment, frei atmen kann. Selbst ungeübte Küchentischpsychologen ahnen rasch, wo der Sprachfehler seine Ursache hat. Doch ums Küchentischpsychologisieren geht’s dem Film nur am Rande. Über die ebensoviel Komik wie Dramatik in sich tragende Geschichte wird ein erstaunlich vielfarbiges Zeitbild gezeichnet, das mit seiner – klugerweise nur nebenbei gegebenen – Warnung vor einer dummen Verherrlichung einzelner Machtmenschen deutlich ins Heute weist.

Colin Firth als Blaublütler und Geoffrey Rush als Therapeut ohne Diplom liefern sich ein köstliches Schauspieler-Duell. Firth lotet auch in diesem Film wieder brillant mit kleinsten Mitteln die Emotionen der Figur aus, Rush kontert mit handfestem Witz. Beide wurden zu Recht für den „Oscar“ nominiert, wie auch der Film selbst, das Drehbuch und die Regie. Ebenso erhielt Helena Bonham Carter eine „Oscar“-Nominierung. Sie spielt Alberts Gattin, die Mutter von Queen Elizabeth II. Die mit dem Älterwerden immer schöner anmutende und immer stärker fesselnde Schauspielerin muss zwangsläufig hinter den beiden Stars zurück stecken, hat sie doch viel weniger Gestaltungsmöglichkeiten. Die aber nutzt sie, wie immer, verlässlich aus und bewahrt die Figur davor, nichts als Stichwortgeberin zu sein. Das wohl hat ihr die „Oscar“-Nominierung in der Kategorie „Beste Nebendarstellerin“ eingebracht.

„The King’s Speech“ erhebt erfreulicherweise nicht den Anspruch, großes bedeutungsvolles historisches Kino zu sein. Das ist es auch nicht. Unterhaltsam, pointiert, auf angenehme Weise ein wenig britisch-hinterhältig wird eine kleine Anekdote aus dem englischen Herrscherhaus illustriert. Wir gucken mal eben bei Königs vorbei… Nie wird das zum peinlichen Blick durchs Schlüsselloch. Die beiden Hauptfiguren werden – schon das ist ein grandioser Gag in einem Spielfilm zum Thema Stottern! – über zahllose Dialog-Schlachten zu Sympathieträgern. (Da geht es manchmal derart deftig zu, dass die prüde US-amerikanische Zensur dem Film eine Altersfreigabe gegeben hat, die ansonsten brutale Horror-Schinken verpasst bekommen. Ein böser Scherz als Zugabe!) Man lacht hier stets mit den Handelnden, nie über sie.

In London heißt es, Königin Elisabeth II. habe sich den Spielfilm über ihren Herrn Papa mit Amüsement angesehen. Da dürfte dem zu erwartenden „Oscar“ denn wohl bald der Adelstitel für Colin Firth folgen. Verdient hat er’s!

Peter Claus

The King‘s Speech, Tom Hooper (Großbritannien / Australien 2010)

Bilder: Senator

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