Vor einigen Jahren gelang es dem Bergsteiger Aron Ralston, einen der letzten Viertausender im US-Bundesstaat Colorado ganz allein zu bezwingen. Daran erstaunt, dass es ihm gelang, obwohl sein rechter Arm unterhalb des Ellenbogens amputiert wurde. – Diese wahre Geschichte schreit geradezu nach einem knallig-kitschigen Kinoabenteuer. Das bietet dieser Spielfilm nicht. Regisseur Danny Boyle hat die Autobiographie des Kletterers adaptiert. Und darin wird vor allem erzählt, wieso er einen halben Arm verloren hat.

Danny Boyle, der 2009 den „Oscar“ für die Regie von „Slumdog Millionär“ bekam und in diesem Jahr mit „127 Hours“ in der Kategorie „Bester Film“ antritt, erzählt klug, ökonomisch und dank seines Gespürs für eine geschickte emotionale Manipulation der Zuschauer wirklich packend. Die Geschichte beginnt mit einem Aufbruch Aron Ralston (James Franco) zu einer Wanderung und führt über vergnügliche Situationen zu puren Grauen: Aron gleitet in eine Felsspalte, sein rechter Arm wird zertrümmert, Rettung scheint unmöglich. Klar, die gibt es schließlich, sonst hätte der Mann ja nicht seine Memoiren schreiben können. Obwohl man das weiß, ist die Spannung enorm. Das liegt an der raffinierten Inszenierung.

Danny Boyle bietet ein optisches Feuerwerk auf: Split-Screen gleich zum Auftakt, rasante Schnittbilder wunderbarster Landschaften, viel Action. Hier wird stilistisch fast unentwegt auf die Tube gedrückt. Bis zur Katastrophe. Dann wird erstmal tief Luft geholt. Und endlich konzentriert sich der Film auf die Hauptfigur. Die Kamera rückt dem Schauspieler James Franco wirklich direkt auf die Haut. Der Schauspieler (ja, sicher, auch er wurde für einen „Oscar“ nominiert) überzieht in keinem Moment. Selbst wenn Aron gleichsam das Herannahen des Todes zu verspüren meint, hält sich Franco angenehm zurück. Im Beharren auf kleinen Gesten und sehr zurückgenommener Mimik liegt die Größe seiner Darstellung. Um den Akteur zu entlasten, das jedenfalls ist die Erklärung, die sich aufdrängt, hat Danny Boyle Kindheitserinnerungen und Visionen eingeschnitten. Die sind für den Fortgang des Geschehens, auch für die Motivation des Aron, nicht notwendig. Doch sie geben auch dem Zuschauer, der in der zweiten Stunde des Films, so er sich darauf einlässt, selbst beinahe eine klaustrophobische Erfahrung durchlaufen muss, die Chance, den Kopf frei zu halten. Das stärkt für jene Szene, die man erahnt, die kommen muss: die Befreiung durch einen entsetzlichen Gewaltakt. Hier werden sich sensible Naturen wohl die Augen zuhalten müssen (und auch die Ohren). Denn Boyle versteht es, gar nicht so viel des Gruseligen wirklich zu zeigen, doch genug, um unsere Phantasie in Abgründe zu hetzen.

Einen Einfall, der dem Erzählfluss ungeheuer zugute kommt, kann sich Regisseur Boyle nicht auf die Fahnen schreiben, den hatte Aron Ralston damals selbst: er führte ein Videotagebuch. Die echten Aufnahmen hält der Bergsteiger unter Verschluss. Man kann davon ausgehen, dass er sie Danny Boyle gezeigt hat. Der und seine Kameramänner nutzen das, ohne zu nerven. Der krasse Stoff wirkt auch deshalb erstaunlich elegant umgesetzt.

„127 Hours“ ist ein Spielfilm, dem Erstaunliches gelingt: Er unterhält, indem er den furchtbarsten Raum durchschreitet, den ein einzelner Mensch je zu bewältigen hat, den Raum zwischen Leben und Tod. Das wurde schon oft versucht. Im Kino gelang es bisher selten derart überzeugend.

Peter Claus

127 Hours, Danny Boyle (USA / Großbritannien 2010)

Bilder: Fox

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