Wann hatten wir eigentlich das letzte Mal einen Liebesfilm, der einen tatsächlich bis ins Mark erschüttert? „Brighton Rock“ signalisiert schon mit dem Beginn – hier kommt etwas Gewaltiges: nächtens stürmt die See, eine riesige Welle tobt Richtung Küste; es scheint, als grollten alle Elemente. Inhalt der folgenden Geschichte und deren stilistische Umsetzung entsprechen dem furiosen Anfang geradezu perfekt. Illustriert wird, wie etwas so Wunderbares wie die Liebe ausweglos zu einer Bedrohung werden kann. Regie-Debütant Rowan Joffe beschreibt das mit einer düsteren visuellen Kraft, der man sich kaum entziehen kann. Er benötigt keinerlei äußerliche Verweise, um zu zeigen, dass die Geschichte, im Roman von Graham Greene in den 1930er, im Film in den 1960er Jahren angesiedelt, von zeitloser Gültigkeit ist.
Pinkie (Sam Riley) heißt die eine der zwei Hauptfiguren. Er lebt in der kriminellen Szene Brightons. Der Chef der Gang, für Pinkie eine Vaterfigur, wird umgebracht. Pinkie will Rache für den Mord an seinem Mentor. Hier kommt Hauptfigur Nummer zwei ins düstere Spiel: die ein wenig tumb anmutende Rose (Andrea Riseborough). Die Kellnerin wird durch Zufall Zeuge von Pinkies Racheakt. Sie weiß um seine schwere Schuld. Aber sie schweigt. Und Pinkie? Bringt er sie um? Nein. Er kann nicht. Statt sie zu töten, bindet er Rose mit mörderischen Gefühlen an sich. Schwüre von Treue, Liebe, Hingabe und Ewigkeit lässt er vom Stapel – und manipuliert die unschuldige, sich nach nichts als Liebe sehnende Seele. Dieses Paar wird nie auf einer rosaroten Wolke landen. Das ist klar. Zumal er sowieso sagt, dass er nicht an die Idee der Christen vom Himmel glaube. Er glaube allein an die Hölle seines Lebens. Und in die zieht er Rose nun unerbittlich mit hinein. Wird sie sich befreien können?
Andrea Riseborough ist das Ereignis des Films. Im Februar wurde sie anlässlich der Berliner Filmfestspiele als „European Shooting Star“ ausgezeichnet. Die junge Aktrice hat eine ungewöhnlich starke Präsenz. Die naive Rose wird von ihr weder der Lächerlichkeit preisgegeben, noch umgibt sie die Figur mit einem Heiligenschein. Eine schier unerschöpflich anmutende Fülle an Gestik und Mimik der Schauspielerin lässt einen fesselnden Charakter entstehen. Als Zuschauer ehrlichen Herzens bibbert und bangt man deshalb mit Rose mit. Und man gerät, gemeinsam mit ihr, in die Zwickmühle: Mit der von Helen Mirren eindrücklich verkörperten Ida, die Pinkie den Kampf ansagt, bricht sich die Gerechtigkeit unbarmherzig Bahn. Ida versucht alles, Rose auf die Seite der gerecht Richtenden zu ziehen. Da steht plötzlich die Frage im Raum, ob es immer richtig ist, dem vermeintlich Guten zum Sieg zu verhelfen. Harter Tobak! Andrea Riseborough macht sensibel klar, dass Rose um genau diese Gefahr weiß und alles, wirklich alles, versucht, ihr kleines bisschen Glück zu retten. Mit ihr glänzt Sam Riley in der Rolle des Pinkie. Auch seine Darstellung ist geradezu makellos. Doch ins Herz des Publikums spielt sich Andrea Riseborough.
Neben den Akteuren sorgt auch die düstere Bilderwelt des Films für Genuss. Die visuelle Schönheit des Expressionismus‘ im deutschen Stummfilm der 1920er Jahre kommt einem in den Sinn. Kameramann John Mathieson entwirft fiebrige Szenerien, die jedoch nie in Selbstzweck erstarren. Die Wucht der Bilder spiegelt immer das Innere der Figuren. So wird der Schrecken einer alle Grenzen des Menschlichen sprengenden Liebe fast körperlich spürbar – und man nimmt eine Menge Stoff zum Grübeln mit.

Peter Claus

Brighton Rock, Rowan Joffe (Großbritannien 2010)

Bilder: Kinowelt

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