Das Porträt des Bösen? Ja, das bietet dieser Film. Und sonst?

J. Edgar Hoover (1895 – 1972), hat fast ein halbes Jahrhundert, 48 Jahre, der US-amerikanischen Bundespolizei FBI, vorgestanden. Sein enormer Kommunistenhass ist berühmt-berüchtigt. Auch seine Skrupellosigkeit. Er soll selbst US-Präsidenten bespitzelt, Dokumente gnadenlos für seine Vorhaben gefälscht, engste Freunde ans Messer geliefert haben. Die Geheimakten, die er über die angeblichen Feinde der Demokratie anlegen ließ, und die er, wenn es ihm nutzte, eiskalt mit Erfundenem ausschmückte, füllen riesige Archive. Sein persönliches Leben aber ist nahezu unbekannt. Gerüchte gibt es, ansonsten fast nichts. Regisseur Clint Eastwood und Autor Dustin Lance Black , der für sein Drehbuch zu „Milk“ einen „Oscar“ bekam, hatten also alle Freiheit im Erzählen. Die nutzen sie klug, verlieren sich jedoch nicht in reißerischen Spekulationen.

Der Film beginnt in den 1960er Jahren: J. Edgar (Leonardo DiCaprio) diktiert Erinnerungen. Seine Erinnerungen, ganz subjektiv. 1919, noch vor Gründung des FBI, hebt er an. Hier weht ein Hauch Abenteurertum. Der wird bald von Karrieresucht abgelöst. Der Mann will immer nach oben und am liebsten noch höher.

Der Film heißt „J. Edgar“ und nicht „Hoover“, weil der Mann, der im 20. Jahrhundert lange Zeit einer der mächtigsten der USA ist, bis zu deren Tod mit seiner Mutter (Judy Dench) zusammen lebt und nie aus ihrem Schatten heraus kommt. Der folgsame Junge aus bigottem Hause hat nie die Chance, wirklich selbständig zu werden. Neben der dominanten Mutter sind die lebenslange Assistentin Helen (Naomi Watts) und der Vertraute Clyde (Armie Hammer) die wichtigsten Begleiter. Zu ihr gibt es einmal den Versuch einer Annäherung, mit ihm teilt J. Edgar über viele, viele Jahre das Privatleben. Ob es je eine körperliche Beziehung, zu wem auch immer, gab, ist nicht bekannt. Im Film gibt es einmal ein „Ich liebe Dich“. Das Echo darauf wird nicht gezeigt.

Schon sehr bald nach Filmbeginn interessiert nicht mehr, was der Mann nun für eine Sexualität hatte, falls überhaupt. Entscheidender ist eine Frage, die im Verlauf des Geschehens einmal gestellt wird: Was ist wichtiger, der gute Ruf eines Mannes oder der einer Institution? – Hoovers Diktate, die jeweils Anlass für lange Rückblenden sind, geben seine eindeutige Antwort. Eastwood und Co. halten sich zurück. Das ist der Schwachpunkt des Films: Er bezieht keine Position, mit der man mitgehen oder an der man sich reiben könnte. Damit vergibt sich „J. Edgar“ die Möglichkeit, den Lebenslauf J. Edgar Hoovers als Spiegel des von den Herrschenden geförderten öffentlichen Denkens in den USA zu nutzen. Somit gerät der Film über eine der berüchtigten politischen Figuren der westlichen Welt im vorigen Jahrhundert nebulös unpolitisch. Das hinterlässt einen leicht bitteren Nachgeschmack.

Das psychologische fein ziselierte Porträt, das allen voran Hauptdarsteller Leonardo DiCaprio mit feinnervigem Spiel entwirft, zeigt ein Muttersöhnchen im Rampenlicht. Das ist packend. In manchen Szenen meint man im Kino J. Edgars Angstschweiß zu riechen. Kriechernatur einerseits und Machtmensch andererseits – das zu sehen ist spannend. Ein kluger dramaturgischer Trick, der hier nicht verraten sei, bringt den Zuschauer schließlich dazu, Mitleid, Verachtung und Respekt für J. Edgar Hoover zu empfinden. Er wird sowohl als tragische Figur wie als Monster erkennbar. Das kommt der historischen Wahrheit sicherlich nahe. Alle, die sich für vertrackte Lebensmuster interessieren, werden mit Spannung bedient. Wer aber ein – gerade auch mit Blick auf die Gegenwart – erhellendes Kunstwerk über das Mit- und Gegeneinander von Individualität und Gesellschaft erwartet, dürfte das Kino doch etwas enttäuscht verlassen.

Peter Claus

J. Edgar, von Clint Eastwood (USA 2011)

Bilder: Warner

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