Der Gewinner des Großen Jurypreis’ von Cannes ist nicht immer ein großer Publikumsfilm. Dieser schon!

Die Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne blicken erneut auf Menschen am Abgrund. Wieder gelingt dem belgischen Regie-Duo damit eine Milieustudie fern von Kitsch. Die Geschichte des halbwüchsigen Cyril (Thomas Doret), der mit seinen elf Jahren nichts wie weg will aus dem Kinderheim, zurück zum Vater (Jérémie Renier) ist von satter Dramatik, rührt einen an, balanciert aber geschickt an allen Untiefen drohender Sentimentalität vorbei. Die Spannung erwächst weniger aus der Frage, ob es dem Kind gelingt, den Vater zu finden, als daraus, ob er es verkraften kann, wenn er einsehen muss, dass dieser Vater nichts mit dem erträumten Ideal gemein hat. Mehr sei hier zur Handlung, die wirklich originell ist und mit viel Herzenswärme packt, auch mit Witz und Dramatik, nicht verraten.

Luc und Jean-Pierre Dardenne, die vielen Szenen wieder eine dokumentarische Anmutung verliehen haben, arbeiten das schwere Thema „Schuld und Sühne“ verblüffend leicht auf. Cyril ist dabei keineswegs ein unentwegt liebes Kind, sondern ein höchst schwieriger, eigenwilliger, kaum zu bändigender Querkopf. Man staunt, was der Schüler Thomas Doret alles in seinem Gesicht, vor allem den Augen, spiegelt. Wobei, ganz klar: kluge Kameraführung und sensible Inszenierung tragen dabei viel.

Interessant: die Brüder Dardenne setzen, das ist nicht üblich bei ihnen, stark auf Hoffnung. Dafür gibt es die Figur der Samantha, eine Frau, die so etwas wie der rettende Engel für Cyril wird. Cécile De France bewahrt auch diesen Charakter vor falschen Tönen, trägt so wesentlich zur Glaubwürdigkeit bei. Und sie ist so etwas wie eine Lichtgestalt in der doch recht düsteren Ballade von der Einsamkeit der Verlorenen. Mancher im Publikum wird sich wohl wünschen, so hingebungsvoll für das Gute eintreten zu können, wie Samantha. Ohne Träume kommt halt niemand aus.

Peter Claus

Der Junge mit dem Fahrrad, von Luc und Jean-Pierre Dardenne (Belgien, Frankreich, Italien 2011)

Bilder: Alamode

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