Barbara (Christian Petzold)

Christian Petzold hat im Februar den Silbernen Bären für die Beste Regie der Berlinale bekommen. Ein schöner Erfolg, doppelt schön, weil alle drei deutschen Beiträge im Wettbewerb Bären-stark waren.

Petzolds Film ist inszenatorisch dicht, darstellerisch kompakt, in der Fragestellung aufregend. Und die geht über die Zeit der DDR, in der die erzählte Geschichte angesiedelt ist, weit hinaus. Sie dreht sich nämlich um Probleme wie Anstand und Aufrichtigkeit. Das ist hoch aktuell angesichts einer Gesellschaft, in der ein Bundespräsident zurücktritt, weil viele Menschen ihm das Vertrauen entzogen haben, halten sie ihn doch für einen Mann, der nicht immer Anstand und Aufrichtigkeit wahrt. Aktuell ist das auch, weil sehr viele Leute im Arbeitskampf die beiden großen „A“ aus ihrem Alphabet streichen.

Selbstverständlich kann man den Film pur als DDR-Reflexion ansehen: Erzählt wird, die Geschichte spielt 1980, von einer Ärztin (Nina Hoss). Sie ist im Visier der Stasi, wird laufend bedrängt, psychisch und physisch. Als Strafe für den gestellten und nicht zurückgezogenen Ausreiseantrag wurde sie von Berlin, Hauptstadt der DDR, in die Provinz, an die Ostsee, versetzt. Das Krankenhaus ist klein, der Kollegenkreis auch. Barbara ahnt, wir als Zuschauer wissen es: um sie herum sind so einige Spitzel. Spannend daran: Petzold vermeidet alle Schwarz-Weiß-Malerei. Jede und jeder hat Licht- und Schattenseiten. Das macht’s aufregend. Hier wird nichts und niemand abgeurteilt. Geurteilt wird schon: Am Ende siegt (eine Spur zu rosarot übrigens, dies als klitzekleine Randbemerkung) die reine Menschlichkeit.

Die Gestalt der Barbara erinnert an die der Erzählerin in Christoph Heins 1982 in der DDR erstmals veröffentlichten Novelle „Der fremde Freund“, die 1983 in der BRD unter dem Titel „Drachenblut“ erschien. Im Buch von Hein nicht ausgesprochen (wie auch?!), dreht sich auch da alles (eine Ärztin erzählt brutal nüchtern von ihrem Alltag) um den Satz: „Hier kann man nicht glücklich werden“. Barbara spricht ihn aus. Kein Wunder: Der Film ist einer von Nachgeborenen, Hein hat damals aus der Zeit heraus geschrieben. Was weder für noch gegen den Film spricht, aber dessen Haltung charakterisiert. Stärker noch als bei Hein zeigt der Film, kann er zeigen, die verinnerlichte Scheu, sich anderen zu öffnen, gar hinzugeben. Wer in der DDR gelebt hat, fröstelt stellenweise.

Nina Hoss spielt die Titelfigur sehr ruhig, konzentriert, fast stocksteif. Diese Frau wagt es nun einmal nicht, sich zu rühren. Das ist körperlich sichtbar. Exzellent! Aber sie zeigt zugleich die unter der Oberfläche brodelnden Gefühle, zeigt auch, dass diese Frau weder ihr Denken noch ihre Menschlichkeit abgestellt hat. Schauspielerisch ist das, auch von den Partnern von Nina Hoss, wirklich hervorragend!

Für mich besonders spannend: Das Zeitlose des Gezeigten. Je länger die Handlung dauert, umso mehr interessiert mich nicht das DDR-Typische, fesselt mich hingegen das Nachdenken über Allgemeingültiges. Das ist für mich die entscheidende Qualität des Films: Ich werde gezwungen, über das Hier und Heute nachzudenken. Wer Klassiker liest oder gute Aufführungen ihrer Stücke im Theater sieht, tut das immer. Petzold befindet sich mit seinem Film also in bester Gesellschaft, nämlich der von Künstlern, die weit über den Rand des eigenen Befinden hinausschauen.

Nach „Die innere Sicherheit“ ist Christian Petzold zum zweiten Mal äußerlich in die deutsche Vergangenheit gegangen. Wie vor zwölf Jahren, so zielt er auch diesmal auf die Gegenwart – und trifft voll ins Schwarze. Mehr und mehr wird Christian Petzold im Kino zu  dem  Chronisten Deutschlands nach 1989!

Peter Claus

Barbara, von Christian Petzold (Deutschland 2012)

Bilder: Piffl

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