Im Action-Kino haben meist die Männer das Sagen, Machos mit Muskeln und sonst nicht viel im Angebot. Schlagkräftige, selbstbewusste Frauen sind Mangelware. Blockbuster wie „Drei Engel für Charly“ und „Lara Croft“ sind nichts als Ausnahmen, die die Regel bestätigen. Da kriegt Steven Soderbergh nun schon mal Bonus-Punkte, weil er in seinem neuen Film einer Frau wirklich die Hauptrolle zubilligt.

Aber: Soderbergh und Action? 1989 wurde er mit dem avantgardistischen Spielfilm „Sex, Lügen und Video“ berühmt. Seitdem gilt er als einer der wichtigsten Vertreter des US-amerikanischen Independent-Kinos fern der Hollywood-Maschinerie. Im letzten Jahrzehnt jedoch tummelte er sich mit der dreiteiligen Reihe um den von George Clooney dargestellten Spießgesellen Daniel Ocean und dessen Edel-Banditentum schon im Fahrwasser munterer Unterhaltung fern allen Avantgardistischen. Fast sieht es so aus, als wolle er partout beweisen, dass er die Nase voll hat vom guten Ruf. Als er „Haywire“ im Februar während der Internationalen Filmfestspiele in Berlin vorstellte, witzelte er denn auch mit einem nur leichten Anflug von Resignation: „Es braucht doch niemand mehr einen ernsthaften Film von mir.“ Vielleicht ist das ja nur die Reaktion auf das eher zurückhaltende Zuschauerecho auf seinen im Vorjahr gestarteten durchaus ernst zu nehmenden Viren-Thriller „Contagion“? Der gesellschaftskritische Endzeit-Schocker hatte zwar überwiegend freundliche Rezensionen bekommen, das Publikum aber nicht wirklich in Scharen angelockt.

Diesmal also zielt Soderbergh voll auf die breite Masse. Er offeriert einen Film, der nichts als unterhalten will. Die Grundidee originell: eine Frau hat das Sagen und das Hauen und Stechen. Leider reichte die Idee nur zu einer recht fadenscheinig und bei -x anderen Männer-Mucki-Shows abgekupferten Story vom guten Menschen, der bisher die Bösen jagte und nun selbst zum Opfer eben der Bösen wird. In diesem Fall handelt es sich um Mallory Kane (Gina Carano). Sie arbeitet unter absoluter Geheimhaltung als Spezialagentin für Washington. Ihre Einsätze sind derart geheim, dass sämtliche Mitarbeiter im Dunstkreis des Weißen Hauses eine Verbindung zu ihr leugnen würden. Drum hat die Sirene mit der Lizenz zum Töten auch keine Verbündeten, als sie selbst auf einer Abschussliste landet. Mallory weiß nicht, wer ihr warum an den Kragen will. Sie ahnt nur sehr schnell, dass Flucht nichts nutzt. Mallory muss handeln, wenn sie nicht bald in wirklich aller Stille in einem anonymen Gräberfeld beigesetzt werden möchte. Falls etwas von ihr zum beisetzen übrig bliebe. Das ist die Frage, die für Spannung sorgt.

Autor Lem Dobbs schrieb 1991 das Drehbuch zu Soderberghs brillantem filmischem Rausch „Kafka“. Der Mann kann’s. Das hat er auch mit anderen Filmen bewiesen. Diesmal fiel ihm nicht recht was ein. Beeindruckt von der körperlichen Präsenz der als Schauspielerin bisher weitgehend unerfahrenen Kampfsportlerin Gina Carano setzt Dobbs auf die von der Lady ausgehende Wirkung. Die ist Dank einiger wirklich ungewöhnlicher Körpereinsätze zumindest anfangs tatsächlich groß. Doch da von keiner durchgehend klugen Geschichte zum Tragen gebracht, auch, weil Gina Carano als Schauspielerin gar nichts zu bieten hat, verebbt der Reiz recht schnell.

Zu sehen also ist, wie sich Gina Carano, mehrfache Meisterin in der in den USA sehr populären Sportart „Mixed Martial Arts“, als knallharte Kampfmaschine austobt. Dabei mutiert die von ihr verkörperte Mallory zum unheiligen Racheengel mit teuflischer Muskelbeherrschung. Sie setzt sogar Muskeln ein, von deren Existenz neunundneunzig Prozent der Frauen (und Männer!) weltweit vermutlich noch nie etwas gehört haben. Um sie herum tummeln sich Stars: Ewan McGregor, Michael Fassbender, Antonio Banderas und Michael Douglas. Die sind, was sonst die Frauen im Action-Genre sind: nett anzusehende Zugaben, sozusagen Kraftfutter für die mörderische Mallory. Das ist hübsch neckisch.

Steven Soberbergh hat pure Action versprochen, und die wird geboten. Das ist nicht ehrenrührig, das ist kein Reinfall, allerdings auch kein Höhepunkt der Filmhistorie. Pech für Soderbergh: der gute Ruf. Der lässt einen nun mal was anderes erwarten und programmiert die Enttäuschung.

Peter Claus

Haywire, von Steven Soderbergh (USA 2011)

Bilder: Concorde Film

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