Popstar Madonna tourt gerade. Nächste Woche kommt sie nach Deutschland, nach Berlin. Der Show eilt nicht der beste Ruf voraus: viel Klimbim, wenig Stimme, noch weniger Gehalt. Das passt auch zu dem jetzt in Deutschland anlaufenden Spielfilm „W. E.“, dem zweiten Versuch der Lady als Regisseurin. Die Pionierin der Pop-Kultur wagt damit einen Blick durch die Schlüssellöcher vom Buckingham Palace. Es geht um  den  Skandal bei Königs im letzten Jahrhundert, aufregender als alle Anekdötchen um die arme Diana. Thematisiert wird, was den Anstoß zum Kino-Kleinod „The King’s Speech“ gab: die Abdankung von Edward VIII., dem Onkel von Queen Elizabeth II., 1936. Der Anlass: Liebe. Edward VIII. (James D’Arcy) verfiel der geschiedenen US-Amerikanerin Wallis Simson (Andrea Riseborough). Eine Menge Stoff für einen handfesten Film, möchte man meinen. Doch Madonna montiert zur grellen Illustriertenstory voller Glanz und Glamour noch eine Parallelgeschichte und zeigt den von innerer Leere gezeichneten Alltag der New Yorkerin Wally (Abbie Cornish) im Jahr 1998. Diese zweite Ebene, das ist schnell mehr als offensichtlich, weist überdeutlich darauf, dass hinterm schönen Schein des berühmten Skandal-Liebespaares nach kurzem Rausch des Glücks nichts als Hohlheit und Langeweile war. Falls es denn wirklich so war!

Beide Geschichten sind formal hübsch kompliziert ineinander verschachtelt. Die inhaltliche Gemeinsamkeit beschränkt sich jedoch auf die simple Botschaft, dass Geld allein angeblich nicht glücklich macht. Ob Millionenverdienerin Madonna das wirklich beurteilen kann? So, wie sie’s hier verkauft, nimmt man ihr nicht ab, dass sie weiß, wovon sie erzählt. Die Bilder sind alle eine Spur zu schick, die dramatischen Situationen zu stark mit Pathos aufgeladen, die Posen der Protagonisten zu einstudiert anmutend. Ausgangspunkt des bonbonbunten Bilderreigens ist eine Auktion 1998 in New York, auf der große Teile des Nachlasses von Wallis und Edward versteigert werden. Das unter dem Kürzel „W.E.“ in den Klatschspalten der Gazetten über Jahrzehnte präsente Paar liebte Luxus. Schmuck, Porzellan, Kleider, Möbel – alles vom Feinsten und Teuersten. Die junge Frau fühlt sich von all dem magisch angezogen. Immer wieder geht sie hin. Und gibt sich schließlich hin. Nicht ihren Tagträumen, sondern einem der Wachmänner, einem Exilrussen, der sich als ebenso viriler wie geistreicher Intellektueller entpuppt. Wally entkommt so ihrem brutalen Ehemann. Doch kommt sie auch in einem lebenswerteren Dasein an? Die Frage könnte für Spannung sorgen. Doch sie provoziert allein ein Grinsen. Denn die von Kitsch und Klatsch und Kolportage nur so triefende Erzählweise vertreibt alle Lust an ernsthafter Auseinandersetzung mit dem Filmchen. Dessen visuelle Schönheit ist zweifellos bestechend. Doch die inhaltliche Leere vergällt einem den Spaß daran. Nicht eine einzige Szene geht psychologisch oder politisch in die Tiefe. Es wird mit ausgefeilter Werbeclip-Ästhetik in Äußerlichkeiten geschwelgt. Das ist auf die Dauer eines Abends zu wenig. Madonna verschenkt den Zündstoff, den die Vorlage bietet, zum Beispiel dadurch, dass sie die politischen Verstrickungen des Paares Wallis/ Edward, ihr Sympathisieren mit dem Faschismus, völlig ignoriert.

Besonders ärgerlich: In den Hauptrollen agieren exzellente Charakterinterpreten. Madonna hat es als Regisseurin jedoch nicht verstanden, ihnen Höchstleistungen abzuringen. Wie auch?! Im Drehbuch werden keine kraftvollen Persönlichkeiten gezeichnet, sondern nur Pappkameraden. Da nutzt auch aller Aufwand mit Kostüm, Make-up- und Ausstattung nichts. Als Regisseurin debütierte Madonna 2008 mit „Filth and Wisdom“, einer schrillen Komödie um eine ungewöhnliche Wohngemeinschaft. Die internationale Kritik fiel verhalten aus, aber überwiegend freundlich. Angesichts von „W. E.“ ließ die Mehrzahl der Rezensenten kaum ein gutes Haar an der Regisseurin. Leider zu recht.

Peter Claus

W.E., von Madonna (England 2011)

Bilder: Senator

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