Liebe (Michael Haneke)

Die Filme von Michael Haneke polarisieren. Viele sehen in ihnen Meisterwerke, andere ertragen die ungeschminkte Ausstellung der Auswirkungen von Gewalt auf das alltägliche Leben kaum. Auch sein bisher letzter, in Cannes im Mai mit der Goldenen Palme ausgezeichneter Film wird wieder für Pro und Contra sorgen, Begeisterung hervorrufen und Ignoranz.

Eines ist klar: Michael will nicht pur unterhalten. Ihm geht es um Reflexion. Die offerierte er bisher oft mit viel ausgestellter Brutalität. Dagegen ist er diesmal geradezu sanft. Aber auch hier geht es um Gewalt. Die Geschichte von Georges (Jean-Louis Trintignant) und Anne (Emmanuelle Riva) beleuchtet unerbittlich die Gewalt, die dem Altwerden innewohnt. Das Paar, beide um die 80, ist seit Jahrzehnten zusammen. Tochter Eva (Isabelle Huppert), auch nicht mehr die jüngste, ist im Ausland. Zu den Eltern hat die geschäftige Frau kaum einen Zugang. Das erwartet auch niemand von ihr. Georges und Anne haben sich, das genügt ihnen. Sie genießen das Miteinander. Sie, die dominante, er der ironische. Sie brauchen nicht viel. Zur Steigerung des Glücks reicht ein Konzertbesuch, zum Beispiel um einen ehemaligen Schüler Annes, verkörpert von Star-Pianist Alexandre Tharaud, zu hören. Dann aber wird Anne pflegebedürftig. George, selbst nicht der Gesündeste, kümmert sich aufopferungsvoll um sie. Doch das geht nicht lange gut. Jetzt ertragen sie einander kaum mehr. Es kommt zu Furchtbarem. – Hier ist ein Innehalten notwendig: Furchtbares? Ob das Finale ein furchtbares ist, muss jede Zuschauerin, jeder Zuschauer für sich selbst entscheiden.

Michael Haneke erzählt das Ende am Anfang des Films. Wir wissen was kommt. Darum geht es nicht. Es geht um den Weg dorthin. Der wird als Kammerspiel aufgefächert, in oft statischen Bildern, mit nur wenigen Worten, geprägt von Blicken, Gesten, Schweigen. Die 85-jährige Emmanuelle Riva und der 81-jährige Jean-Louis Trintignant zeigen sehr genau (und kaum aushaltbar) das Leid des körperlichen Verfalls. Die beinahe teilnahmslos wirkende Kamera, die Ruhe der Erzählung, das Nichts an Musikeinsatz flankieren die Schauspieler, geben ihnen allen Raum und alle Zeit zu brillieren. Aber ist das noch Schauspiel? Oder sehen wir zwei Persönlichkeiten zu, die sich selbst zeigen? Nanni Moretti, Präsident der Jury in Cannes, sagte, man hätte den beiden Akteuren gern auch die Auszeichnung für die besten schauspielerischen Leistungen gegeben. Das war nicht möglich. Die Regeln des Festivals verbieten es, dem Gewinner der Goldenen Palme noch weitere Preise zuzugestehen.

Spannend ist, ob der Film ein Publikumserfolg wird. Der besuch des Films erfordert Mut. Man schaut schließlich in eine Variante der eigenen Zukunft. Wer will das schon?! Und Trost wird hier nicht gespendet. Aber im Kopf bleiben schließlich nach dem Kinobesuch nicht die Momente des Schreckens. Es bleibt das Gefühl, tatsächlich einer großen Liebe begegnet zu sein. Sehr erstaunlich.

Peter Claus

Liebe, von Michael Haneke (Frankreich/ Deutschland/ Österreich 2012)

Bilder: X Verleih

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