Der Titel lässt einen Dokumentarfilm vermuten. Und tatsächlich überzeugt dieser Spielfilm mit vielen dokumentarisch anmutenden Momentaufnahmen von ganz durchschnittlichem Leben so genannter kleiner Leute. Natürlich sind das Leute, die gern über sich hinauswachsen würden. Drei Geschichten werden mit dem sanften Lächeln der Nachsicht erzählt. Nachsicht gegenüber all jenen, die selbst im Erwachsenenalter nicht aufgehört haben, unmöglichen Träumen nachzujagen. Das ist dann auch von einer wunderbaren Ermutigung geprägt.

Regisseur Roberto Moreira, der das Drehbuch gemeinsam mit Anna Muylaert schrieb, blickt auf den Moloch São Paulo fern üblicher Blickrichtungen. Nicht das Düstere der Millionenstadt interessiert, sondern die mal lichthellen, mal schattenreichen Alltagssituationen fern des schon auf den ersten Blick Besonderen. Selbstverständlich entdeckt der Film das dann in den geschickt miteinander verwobenen Geschichten. Am heftigsten prägt sich dabei die Lovestory von Schauspielerin Marina und Sängerin Justine. Von Anfang an ist klar, dass deren Miteinander nicht auf ein rosarotes Happy End zusteuert. Die Zwei sind zu verschieden, und sie sind zu heftig in fest gefügte Lebensmuster verwoben. Bekanntlich sind es ja gerade die unsichtbaren Fesseln des Üblichen, die den meisten Menschen den Flug zu den Sternen versagen.

Der Film besticht – neben der Präsenz der Schauspieler – mit oft fast magisch anmutenden Bildkompositionen. Da wird die Stadt zur Seelenlandschaft. Der Großstadtdschungel wird als Spielwiese der Illusionen erkennbar. Unsentimental wird dabei gezeigt, dass die Mehrzahl der Dschungelbewohner nicht einmal weiß, wie die Spielregeln sind, geschweige denn, diese bestimmen kann. Das alte Wort von den Umständen, die nicht so sind, wie wir sie gern hätten, wird originell illustriert und bestätigt.

Erfreulicherweise läuft der Film im portugiesischen Original mit Untertiteln. Das Surren der Stadt und das Schwingen der Sprache vereinen sich so zu einer mitreißenden Melodie. Es macht nichts, dass man als Zuschauer manchen Satz nicht mitbekommt. Wichtig ist nicht, was gesagt wird, sondern wie es gesagt wird. Der Klang der Stimmen sagt alles. Man fühlt sich als Betrachter rasch wie ein naher Begleiter der Protagonisten und erfährt durch sie jede Menge über sich selbst.

Peter Claus

Paulista – Geschichten aus São Paulo, von Roberto Moreira (Brasilien 2010)

Bilder: Bildkraft

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