„Cinema Paradiso“ Regisseur Giuseppe Tornatore schwelgt mal wieder in einem satten Kino-Traum. Dabei weiß er durchaus – und erzählt auch davon –, dass der schönste Traum im Handumdrehen zum Albtraum werden kann.

Als Kenner und Verehrer des klassischen Kinos Hollywoods hat er sich diesmal offenbar an berühmten Filmen der so genannten „Schwarzen Serie“ orientiert. „Gilda“ fällt einem ein, „Tote schlafen fest“ und auch „Wenn der Postmann zweimal klingelt“. Meisterhafte Thriller, die alle 1946 herausgekommen sind. Wie da, so kommt auch in „The Best Offer“ einer  geheimnisvollen Frauen die Schlüsselrolle zu. Sie heißt Claire (Sylvia Hoeks), haust völlig zurückgezogen in einer einsamen halb verfallenen Villa, und ist in der ersten Hälfte des Films nur als Stimme präsent. Sie erklärt das damit, dass sie an einer stark ausgeprägten Agoraphobie leidet, also keine öffentlichen Plätze aufsuchen kann, Angst vor anderen Menschen hat, nicht alleine Reisen kann, sich nicht einmal vor die Haustür wagt. Trotzdem drängt sie mit -zig Anrufen den vielleicht gut vierzig Jahre älteren Virgil (Geoffrey Rush) darum, in die Villa zu kommen. Ihr erster Anruf erreicht ihn ausgerechnet an seinem 63. Geburtstag. Sie ruft den Kunstexperten und Auktionator an, weil er all die alten Möbeln und Kunstwerke schätzen und katalogisieren soll, die sich in Claires Haus befinden. In oft langen Gesprächen mit der sich zunächst nie zeigenden jungen Frau, die am Telefon äußerst fragil anmutet, und durch einen kauzigen Diener (Philip Jackson) erfährt Virgil Details. Seine Neugier ist geweckt, sein Sammlerinstinkt auch, denn es finden sich eigenartige mechanische Teile, die sich vielleicht zu einer legendären Automatenpuppe, einem „sprechenden Menschen“, zusammensetzen lassen. All das, und schließlich die Begegnung mit Claire, führt zu einem emotional aufgeheizten Vexierspiel der Leidenschaften, zu einer Irrfahrt durch das Labyrinth von Schein und Sein. Virgils Leben wird dadurch total umgekrempelt.

Die Filme der „Schwarzen Serie“ waren bekanntlich auch ein Reflex auf die Folgen des Zweiten Weltkriegs: die Männer kehrten heim und wollten die Frauen zurück an den Herd drängen, was zu einer handfesten gesellschaftlichen Krise führte. Auch Tornatores Film kann als Reflex auf die Krise unserer Zeit gedeutet werden: viele Menschen verlieren den Halt, versuchen krampfhaft das angeblich Schöne des Gestern zu retten und schliddern so in eine persönliche Schieflage. Der von Geoffrey Rush mit sparsamen Mitteln höchst einfühlsam gespielte Virgil gehört zu jenen, die der Chimäre von einer heilen Welt nachjagen. Er hat sie sich bisher selbst gestaltet, indem er mit Hilfe eines Mittelsmannes (Donald Sutherland) bei Auktionen wertvolle Frauen-Gemälde in seinen Besitz gebracht hat. er bewahrt sie in einem geheimen Raum seiner Luxuswohnung auf. Nur hier hat der Kauz das Gefühl von Geborgenheit und Schutz.

Der entscheidende Satz fällt relativ früh. Er sagt, dass „in jeder Fälschung ein Moment Wahrheit“ stecke. Woraus sich die Frage ergibt, ob etwa auch Liebe gefälscht werden kann.

Auch andere Hinweise, auf das, was da kommt, sind in Dialogen und Bildern versteckt. Doch Tornatore verweigert deutliche Fingerzeige. So dürfte wohl die Mehrheit der Zuschauer heftigst überrascht sein, wenn die Story plötzlich, im letzten Drittel, in eine völlig neue Richtung abdreht. Die bizarre Lovestory zwischen einem Mann in späten Jahren und einer ungemein jungen Frau wird dann zum scharfen Kommentar auf eine der gängigsten Lügen unserer Zeit: Alt-Werden ist schön. Tornatore zeigt, dass das Alt-Werden zu den scheußlichsten Lebenserfahrungen zählt.

Peter Claus

The Best Offer, Giuseppe Tornatore (Italien 2013)

Bilder: Warner

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