68 und die Folgen – das Thema ist bei Romanautoren sowie Theater- und Filmemachern gleichermaßen beliebt. Vor allem die gesellschaftliche Entwicklung der bürgerlichen Welt nach den Studentenunruhen von 1968 wurde schon in vielen Spielfilmen beleuchtet. Nur wenige davon kommen über oberflächliche Betrachtungen hinaus. So tief, wie der neue Film von Olivier Assayas ging wohl keiner bisher.

Nostalgischer Schnickschnack wird nicht geboten. Die Sicht auf das Leben in Paris vor etwa vierzig Jahren ist relativ kühl. Gerade dadurch kann sich die mit Emotionen aufgeladene Geschichte reich entfalten. Diese Geschichte erzählt vom Stundenten Gilles (Clément Métayer). Angeregt von den vielen breit geführten Diskussionen um den Zustand der bürgerlichen Welt und Möglichkeiten, diese zu verändern, versucht er gemeinsam mit einigen Mitstreitern, Wege in eine neue gerechtere Welt zu finden. Doch sehr viel mehr als das Kleben von Plakaten ist nicht drin. Die wie Gilles aufmüpfige Christine (Lola Créton) ist nicht nur Kampfgefährtin, sie ist bald auch Gilles’ Geliebte. Sie pocht darauf, sich ganz dem Eintreten für soziale Neuordnungen zu widmen. Gilles aber hat sehr persönliche Träume. Vor allem die Malerei zieht ihn von jeher an und treibt ihn nun mehr und mehr zum Film. Doch wird er nicht zum Verräter, wenn er sich der Welt der Künste verschreibt? Diese Frage wird für ihn existentiell. Und die Suche nach einer Antwort, verändert einige Lebenswege.

Seinen bisher größten Erfolg hatte Olivier Assayas mit dem Thriller „Carlos – Der Schakal“ (2010). Zuvor hatte er schon einige Filme inszeniert, die von der Kritik gefeiert wurden. Das waren Filme, die von eigenem Erleben, Erfahrungen und auch Enttäuschungen geprägt worden sind. So ist es auch dieses Mal. Zu jung, um zu denen zu gehören, die etwa in Paris im Mai 1968 auf die Straße gingen, Assayas ist Jahrgang 1955, gehört er zur Generation derer, die als Erben der Weltverbesserer – und damit auch der Anarchos und Radikalen – gelten. Das Einrichten im Privatleben und damit in einer Partnerschaft wurde von dieser Generation in hohem Maße als Politikum verstanden. Schließlich wollte man „den Alten“ in nichts nachstehen. Doch die drifteten, wenn sie nicht als Terroristen den radikalen Weg des Verbrechens einschlugen, schneller als erwartet, in satte Bürgerlichkeit ab. Leute wie Gilles reiften also in einer Stimmung zwischen hohen Erwartungen einerseits und schleichender Ernüchterung andererseits heran.

Der Film heißt im Original „Après Mai“, „Nach dem Mai“, was nicht nur auf die Zeit der Handlung zielt. Der Titel meint auch all das, was von den revolutionären Idealen der Studenten und ihrer Mitstreiter übrig geblieben ist beziehungsweise eben nicht. Die Trotzkisten, die Maoisten und all die anderen -isten treten auf, hitzige Diskussionen werden gespiegelt, die Unbekümmertheit der Jugend trifft auf die Verbitterung der eben noch gefeierten „Helden der Revolution“, die längst abserviert worden sind. Gilles ist dabei deutlich als das alter ego des Regisseurs zu erkennen. Der ist zum Glück nicht der Versuchung erlegen, üppiges Ausstattungskino oder einen gewaltgeladenen Reißer zu inszenieren. Sehr leicht im Ton, der gelegentlich fast ironisch anmutet aber nie in vordergründige Komik gleitet, entwirft Olivier Assayas anhand der bitter-süßen Geschichte von Gilles und Christine und Gilles erster Liebe Laure (Careole Combes) ein vielfarbiges Zeitbild und Generationenporträt. Das Auf und Ab der Emotionen wird dabei gern auch mal mit cineastischer Verve und Lust am Überschwang inszeniert. Doch als Grundstimmung ist eher eine leichte Melancholie auszumachen. Ein, zwei Szenen erinnern übrigens in ihrer Schönheit an den legendären Spielfilm „Jules und Jim“, in dem François Truffaut Anfang der 1960er Jahre anhand einer Dreiecksgeschichte den Geist der Zeit im Europa der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts beleuchtet. Auch Truffaut erzählte von Privatem und spiegelte damit eine Epoche. Das gelingt nun Olivier Assayas. Die Intelligenz und die emotionale Wahrhaftigkeit machen den Film zu einem Erlebnis – und garantieren einen sehr unterhaltsamen Kinoabend.

Peter Claus

Die wilde Zeit, von Olivier Assayas (Frankreich 2012)

Bilder: NFP

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