Wer von der Magie des Kinos schwärmt, meint fast immer vor allem jenen Zauber, der klug gestalteten Bildwelten innewohnt. Kino ist Schauen. Wie faszinierend (und wichtig für die Wirkung!) das Hören sein kann, belegt dieser kleine Film – und entfachtet zugleich eine wahrlich wundersame und wunderbare Visualität.

Freaks wissen es: so vor vierzig, fünfzig Jahren hatte der Horror im italienischen Kino Konjunktur. Unter dem Begriff „Giallo“ ist die tatsächlich recht spezielle Melange aus Sex- und Psychothrill in die Geschichte der siebten Kunst eingegangen. Anklänge daran fanden sich auch in bundesdeutschen Produktionen, beispielsweise einigen Edgar-Wallace-Adaptionen. Doch die Show mittels Kultivierung von Schmuddel erlebte ihre Blüte in Italien. Der britische Regisseur Peter Strickland hat sich offenkundig nicht nur davon faszinieren und schulen lassen, wie wohl auch von David Lynch, er belebt das Sub-Genre des Horrorkinos nun auf höchst originelle Weise, indem er es zum Thema macht.

Die Story führt ins Jahr 1976. Der englische Soundmaler Gilderoy (Toby Jones) wird zur Vertonung eines neuen Werks in ein italienisches Studio eingeladen. Während der Produzent Francesco (Cosimo Fusco) und der Regisseur Santini (Antonio Mancino) stets mit großer Geste und Machogehabe auftreten, hält sich der äußerlich sehr unauffällige Ton-Mann immer und überall gern zurück. Er sieht nicht nur so aus, er ist ein Muttersöhnchen. Doch nun muss er zum Mann reifen. Denn der Film, den er zu vertonen hat, ist harte Kost. Viel schlimmer noch: Der Schrecken auf der Leinwand stürzt scheinbar in die Realität ein. Gilderoy gerät in einen Strudel des Wahns. Ein Entrinnen erscheint mehr und mehr unmöglich.

Der Film-im-Film, er hat den Titel „Il Vortice Equestre“, ist kaum zu sehen. Das Arsenal des Schreckens erschließt sich über den Ton. Und das auf höchst effektvolle Weise. Strickland feiert die von der Digitalisierung längst verdrängte Kunst des Vertonens mit großer Hingabe. Wenn da Obst und Gemüse gemartert werden, stellt sich bei allem Witz doch immer auch Grusel ein. Der wird durch raffinierte Bilder verstärkt, vor allem dann, wenn Detailaufnahmen mehr ahnen lassen als sie zeigen. Die erzählte Geschichte hat dadurch Rasanz, dass die Grenzen zwischen Kintopp, Wirklichkeit und Irrsinn immer mehr verwischen. Am Ende weiß man als Zuschauer nicht mehr, ob nicht alles, was man sieht und hört, allein dem Kopf von Gilderoy entspringt. Da geht der Film, eine der Entdeckungen des letztjährigen Festivals von Locarno, dann über die Giallo-Hommage hinaus und wird zum handfesten Schocker, den man so schnell nicht vergisst.

Peter Claus

Berberian Sound Studio, von Peter Strickland (Großbritannien 2012)

Bilder: REM

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