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Filmfreunde dürfen staunen – über das Erstaunen einer ganzen Schar von Filmkritikern. Die nämlich überraschen damit, dass sie angesichts des neuen Spielfilms von Pedro Almodóvar ein wenig aus der Fassung geraten und sich wundern, wie schrill, verspielt und, ja, albern, der Spanier sich gibt. Leute, geht mal in Euch und schaut Euch wenigstens auf DVD oder sonst wie einige der frühen Arbeiten von Almodóvar an. Die Filmhistorie beginnt nicht erst im vorigen Jahrzehnt! Mit seiner neuen Komödie schlägt der inzwischen 63-Jährige nämlich einen schönen Bogen zu einigen seiner frühen Arbeiten (mit denen er berühmt wurde).

Geboten wird herrlicher Blödsinn, genau wie einst in seinen ersten internationalen Erfolgen, etwa der überdrehten Farce „Labyrinth der Leidenschaften“ (1982) und des Psycho-Ulks „Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs“ (1988). Ein Bruch zum Schaffen der letzten Jahre? 2000 gab’s für die Tragikomödie „Alles über meine Mutter“ (1999) den „Oscar für den besten nichtenglischsprachigen Film“. In Folge wurden Almodóvars Moritaten vom Wahnsinn des ganz durchschnittlichen Lebens immer dunkler und melancholischer. Doch schwor er dem Absurden nie ganz ab, auch wenn in Hits wie „La mala educación – Schlechte Erziehung“ (2004) und „Die Haut, in der ich wohne“ (2011) weit verästelte philosophische Gedankenstränge den Ton angeben. Wovon dieses Mal nicht die Rede sein kann. Die Story um eine Flugzeugbesatzung und deren First-Class-Passagiere während eines Not-Kreisens über Spanien ist dünner als dünn. Das taugt allenfalls als Witz am Rande. Daraus aber macht der Meister des Schrillen eine schräge Show des Verrückt-Albernen. Selbst Menschen mit Flugangst können sich prächtig amüsieren, so sie ein Faible für Krach-Komik haben. Serviert wird die vor allem von den drei Stewards Joserra (Javier Cámara), Fajas (Carlos Areces) und Ulloa (Carlos Areces). Sie sind die ideale Verkörperung dessen, was im Volksmund so gern als „Saftschubsen“ bezeichnet wird: sie sind laut, sie sind frech, und sie sind, in jeder Hinsicht, hemmungslos. Das offenbaren sie schon zu Beginn des verrückten Fluges mit der Durchsage: „Wegen eines kleinen technischen Problems werden wir in Kürze notlanden, falls wir es bis zum nächsten Flughafen schaffen. Es besteht kein Grund zur Panik. Aber ein Gebet könnte sicherlich nicht schaden.“ Panik bleibt tatsächlich aus. Das flotte Trio hat nämlich die Passagiere der Touristenklasse vollzählig mit Schlafmitteln in tiefen Schlummer versetzt, und die First-Class-Reisenden durch Mescalin-Drinks höher abheben lassen, als es einem Flugzeug je gelingen könnte. Da fallen nicht nur die Ängste von den Leuten ab, sondern bald auch viele Hemmungen, gar einige Hüllen. Seelen werden entblättert, und Körper werden zur Schau gestellt. Hysterie gibt den Ton an. Kein Wunder, dass eine Tanzeinlage des Begleitpersonals zu „I’m So Excited“ von den Pointer Sisters den Höhepunkt des Höllentrips über den Wolken markiert. Penélope Cruz und Antonio Banderas spielen auch mit. Aber: Die zwei Weltstars und Almodóvar-Freunde haben nur sekundenkurze Auftritte. Ihretwegen lohnt der Gang ins Kino nicht! Auch sonst jedoch ist schauspielerische Klasse angesagt. Neben den Darstellern der drei Flugbegleiter hat insbesondere die bereits aus anderen Almodóvar-Filmen bekannte Lola Dueñas die Lacher auf ihrer Seite. Sie spielt eine Hellseherin, deren Spezialität es ist, mit Hilfe der Geschlechtsorgane von Männern in die Zukunft zu sehen. Die entsprechende Szene ist von wirklich brüllender Komik. Und sie zeigt wieder einmal, dass Pedro Almodóvar noch die derbsten Gags mit feinem Gespür für die Grenzen des guten Geschmacks inszenieren kann. Was in diesem Film fast schade ist: ein bisschen mehr Schmuddel hätte dem Irrsinnsflug vielleicht noch mehr Schwung gegeben.

fliegende320Wer’s exzentrisch mag, wird gut bedient. Aller Witz ist frech, frivol und freizügig. Der ganze Film entpuppt sich als fröhliches Plädoyer wider alle Prüderie, ohne dass es dabei auch nur einmal aufdringlich pädagogisch wird. Vielflieger, die schon immer mal wissen wollten, was sich hinter den zugezogenen Vorhängen und geschlossenen Türen im Cockpit und in der Bordküche abspielt, sich bisher aber nicht trauten, diese Frage laut zu stellen, werden aufhören, auch nur über mögliche Antworten zu spekulieren. Denn Pedro Almodóvar macht unmissverständlich klar, dass auch in der Luft gilt wie auf Erden: Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß.

Vordergründiges Politisieren bleibt übrigens aus. Doch unpolitisch, wie in mancher Kritik zu lesen, ist der Film keineswegs. Dadurch, dass er beispielsweise Spaniens Pleiteflughafen von Ciudad Real (da können wir schon heute sehen, was mal aus dem Berliner Bruchlandungsprojekt Flughafen BER werden könnte!) eine kleine Rolle zugesteht, und durch andere raffinierte Verweise, schießt Pedro Almodóvar sehr wohl spitze Pfeile gegen die Allmacht der Dummheit in Politik und Gesellschaft ab. Der Mann ist immer auch Kabarettist – einer der besten in Europa.

Peter Claus

Fliegende Liebende, von Pedro Almodóvar (Spanien 2013)

Bilder: Tobis

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