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Nein, ein großer Film sieht anders aus. Trotzdem: ansehen. Denn der Film, uraufgeführt in diesem Jahr beim (Nachwuchs-)Festival um den Max Ophüls Preis in Saarbrücken, hat ein Verdienst: er blickt unsentimental auf die Lebenssituation junger Immigranten in Deutschland. Damit kann er garantiert den Blick einiger im Publikum schärfen. Erzählt wird von einem jugendlichen Russlanddeutschen. Dieser Dima (Mark Filatov), von seinem Gangsterboss (Àlex Brendemühl) nur „Nemez“ genannt, gerät in die Klemme: Einerseits soll er nemez_320für den Chef als Dieb arbeiten, andererseits will er als ehrlicher Mann in Deutschland Fuß fassen. Die Liebe zu einer Kunststudentin (Emilia Schüle) könnte der Anfang eines Weges in die richtige Richtung sein.

Regisseur Stanislav Güntner hat sich leider im Gestrüpp des Kriminalfilmgenres verheddert. Sein sympathischer Anspruch, realitätsnah zu erzählen, wird da gen Ende einer zu oberflächlichen Spannungsdramaturgie geopfert. Da wird’s dann in einer Szene sogar richtig albern. Das ist sehr bedauerlich. Denn in den ersten vierzig, fünfzig Minuten erzählt Güntner sehr dicht und wunderbar ungeschönt vom Alltag seines Anti-Helden. Das ist ein Alltag der geprägt ist von Spätpubertät, von einem Vater, der sich in der Fremde nicht wohl fühlt, und der zurück nach Russland will, von einer überforderten Mutter, von Ängsten, von der Sehnsucht nach Liebe. Der Erzählton ist weitgehend lakonisch. Das ist packend. Doch je mehr der Film als Krimi packen will, umso mehr verliert er an Kraft.

Stanislav Güntner kann zweifellos erzählen und versteht es, ein alles andere als flaches Psychogramm zu entwerfen. Was er braucht, sind Autoren und Dramaturgen, die seinen Sinn für die Wahl der richtigen Mittel stärken. Findet er die, wird er in nächster Zeit sicher mit einem gestaltungssichereren Spielfilm aufwarten. Sein Debüt entstand im Rahmen der verdienstvollen ZDF-Reihe „Das kleine Fernsehspiel“. Wer sich für die Zukunft des deutschsprachigen Kinos interessiert, guckt seit Jahren neugierig auf die Produktionen dieser Reihe. Bei allen notwendigen Abstrichen lohnt das auch in diesem Fall!

Peter Claus

Nemez, von Stanislav Güntner (Deutschland 2012)

Bilder: alpha medienkontor

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