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Scheinbar wurde im Kino bereits alles über die Schwierigkeit, erwachsen zu werden, erzählt. Es gibt hunderte Geschichten über Menschen um die 16, 17. Diese melancholisch grundierte Komödie beleuchtet jedoch das Leben von Endzwanzigern. Denn das Erwachsenwerden ist nun mal ein Prozess, der bei vielen erst sehr, sehr spät abgeschlossen ist, bei manchen wohl nie.

Die Hauptfigur, Frances, ist 27 und träumt von einer Karriere als Tänzerin. Doch weil sie unentschlossen durch den Alltag tänzelt, bleibt der Traum ein Traum. Das tut manchmal weh. Doch nur manchmal. Der Alltag mit ihrer Freundin Sophie, mit der sie eine Wohnung in New York teilt, ist erfüllt von heiterer Gelassenheit. Alles geht irgendwie seinen Gang. Bis Sophie auszieht. Und nicht nur das schmerzt Frances. Auch im Tanzkurs gerät sie ins Stolpern. Die junge Frau sucht Halt in anderen Wohngemeinschaften, mit verschiedenen Jobs und schließlich gar mit einer Frances_320kleinen Flucht nach Paris. Alles funktioniert, irgendwie, doch nichts bringt Erfüllung. Frances aber lässt sich nicht unterkriegen. Denn eins hat sie: Stehvermögen. Und sie hat eine schier unerschöpfliche Lebenslust.

Der Film ist Schwarz-Weiß – und das passt nicht nur gut zur Geschichte, es prägt die wunderbar-leichte Erzählung tatsächlich entscheidend, unterstreicht deren lakonischen Grundton. Jüngst hat ja erst der deutsche Spielfilm „Oh Boy“ durch die Schwarz-Weiß-Optik besonderen Reiz gehabt. In diesem Fall nun bewirkt das gar nicht karge, sondern mit unendlich vielen Grautönen begeisternde Schwarz-Weiß auch eine emotionale Vertiefung. Der Zuschauer  wird so wirklich in die Geschichte hineingezogen. Und: die Ruhe, das Zurückgenommene der visuellen Gestaltung, erleichtert den Zugang zum Geschehen. Das nämlich rollt in oft geradezu irrwitzigem Tempo ab, punktet mit Komik und mitreißender Gute-Laune-Musik.

Drehbuch-Mitautorin und Hauptdarstellerin Greta Gerwig ist ein Star der jungen unabhängigen New Yorker Filmszene. Das ist eine Autoren-und-Regisseurs-Szene, in der mit einem Minimum an Geld gedreht wird, kleine Geschichten erzählt werden, der Schauspiel-Stil der Filme vor allem von Improvisationen geprägt ist. Greta Gerwig entspricht nicht den Idealen üblicher Plakatschönheiten – sie hat eckige Bewegungen, die ein entsprechendes Denken spiegeln, mutet ein wenig überdreht an, ist ausgesprochen apart. Man verliebt sich sofort in diese etwas tollpatschige Audrey Hepburn der Cola- und Burger-Szenerie. Sie verkörpert geradezu das Miteinander von Traurigem und Heiterem, Erhabenem und Banalem, Schönheit und Schrecken. Ihr Porträt der jungen Frau, die sich mit sich und dem Leben schwer tut, ist, es gibt kein besseres Wort dafür, wirklich ergreifend – weil Tragik und Komik in diesem Porträt klug ausbalanciert sind – und weil Greta Gerwig wirklich eine herausragende Schauspielerin ist.

Peter Claus

Frances Ha, von Noah Baumbach (USA 2012)

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