Der Medicus (Philipp Stölzl)

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Altes Problem bei Literaturverfilmungen: Wer das Buch kennt, ist oft enttäuscht ob der vielen Kürzungen der Handlung auf dem Weg vom Buch zum Film. Die deutsche Taschenbuchausgabe von Noah Gordon’s vor etwa einem Vierteljahrhundert herausgekommenen Schmöker hat mehr als 800 Seiten. Da musste gekürzt werden. Das ist einsehbar. Nicht einsehbar aber ist, warum nicht nur gekürzt, sondern auch auffallend verändert wurde. So bleibt eine Figur, die in der Vorlage recht bald das Zeitliche segnet, im Film am Leben, wird die im Buch so mitreißende wie komplexe Liebesgeschichte durch eine andere (sehr ausgedacht anmutende) ersetzt, fehlt der Aspekt des Umgangs mit Fremdsprachen völlig.

Die Story hält sich an Eckdaten des Romans: Im 11. Jahrhundert nach Christi Geburt verschlägt es Rob Cole (Tom Payne) aus England nach Persien. Als Kind verwaist, lange Assistent bei einem Bader (Stellan Skarsgård) will er in Isfahan beim berühmten Hakim, Arzt, Ihn Sina (Ben Kingsley) studieren. Dazu muss er sich allerdings als Jude ausgeben. Und er muss einige Abenteuer bestehen.

medicus_320Regie geführt hat Philipp Stölzl, dessen Bergdrama „Nordwand“ (2008) in bester Erinnerung ist. Wie dort, so gelingen ihm auch hier wunderbare Momente, wenn er Kammerspiel zeigt. Beispielsweise gibt es eine Szene, in der Rob und seine Geliebte Rebecca (Emma Rigby) sich der körperlichen Lust hingeben. Das ist exquisit gefilmt, vertraut auf die Phantasie des Zuschauers, ist von starker innerer Spannung. Das gilt auch für einige Dialogszenen, etwa jene zwischen Rob und dem Shah (Olivier Martinez), da das Gefangensein des Monarchen in seiner Herkunft klug zum Ausdruck kommt. Sehr gelungen auch, wie Noah Gordons Plädoyer für ein Miteinander verschiedener Religionen umgesetzt wird. Der Film zeigt deutlich: jedweder Glaube hat viel Licht, versinkt aber in Schatten, wenn fanatische Fundamentalisten das Sagen haben. All das ist Kintopp pur, kluge Unterhaltung mit Anspruch. Trotzdem verlässt man das Kino unbefriedigt. Das liegt an der nicht wirklich funktionierenden Liebesgeschichte, die für den Film erfunden wurde, daran, dass nicht einmal angedeutet wird, dass die Hauptfigur mehrere Sprachen lernen und sprechen muss (im Film sprechen alle Englisch), und es liegt daran, dass es offenbar nicht genug Geld für 1A-Tricktechnik gab. Die großen Landschaftspanoramen, die Bilder von Wüsten und Schlössern sehen scheußlich nach Computeranimation aus, reißen einen jedes Mal aus dem Fluss der Erzählung. Schade. Schade auch, weil die Schauspieler ihre Sache im Rahmen der Möglichkeiten gut machen. Das große Kino-Ereignis, das man erwartet, wird leider nicht geboten. Man verlässt das Kino weniger enttäuscht als traurig. Es wär’ zu schön gewesen, wieder mal wirklich großen Kintopp made in Germany zu sehen. Klappt leider nicht.

Peter Claus

Der Medicus, von Philipp Stölzl (Deutschland 2013)

Bilder: Universal

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