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Anton Corbijn mag’s geheimnisvoll. Sein George-Clooney-Vehikel „The American“ (2010) ist diesbezüglich noch in guter Erinnerung. Geheimnisvoll beginnt auch sein neuer Thriller. Der packt aber dann rasch auch und insbesondere mit einer kritischen Sicht auf die globale Macht der Geheimdienste. Was freilich von der Romanvorlage vorgegeben ist.

Die Story beginnt nicht sonderlich originell: Ein angeblich oder wirklich politischer Flüchtling (Grigoriy Dobrygin) strandet in Hamburg. Der Mann aus dem Osten wähnt sich im Verborgenen. Doch jeder seiner Schritte wird von diversen Geheimdiensten verfolgt. Durchschnittlich sehen die Frauen und Männer des Spionagenetzwerks aus. Da ist zum Beispiel der Deutsche Günther Bachmann (Philip Seymour Hoffman). Er hat gleich einen ganzen Trupp hinter sich (was denn Mimen aus Deutschland ein paar schöne Auftritte beschert, Nina Hoss etwa, auch Daniel Brühl und Kostja Ullmann). Der Fremde namens Karpov soll ein Terrorist sein. Da passt es gut ins Bild, dass er Verbindung zur islamischen Gemeinde in der Elbestadt knüpft. Verwirrend most_320allerdings ist, und schon wird es spannend, dass er keine terroristischen Absichten und Motive erkennen lässt. Vielmehr wendet er sich aus recht privatem Grund an eine Anwältin (Rachel McAdams): er will mit ihrer und der Hilfe eines Briten (Willem Dafoe) an das Erbe seines Vaters kommen. Bachmann ist verwirrt. Und nicht nur er. Die Verwirrung wird noch dadurch gesteigert, dass eine CIA-Agentin (Robin Wright) samt Helfershelfern kräftig mitmischt. Irgendwas ist faul. Das immerhin wird dem deutschen Schnüffler schnell klar. Doch was und warum, liegt zunächst im Dunkel.

Als Zuschauer weiß man schnell, um was es dem Film vor allem geht: darum, die Paranoia zu entlarven, die seit dem Grauen des 11. September 2001 die Drahtzieher der Geheimdienste noch stärker beherrscht als davor. Die Anmaßung der US-Politik, jede und jeden, selbst die engsten Freunde, ins Visier von Ermittlungen zu nehmen, kristallisiert sich schnell als Dreh- und Angelpunkt der Story heraus. Der in Deutschland vor sechs Jahren unter dem Titel „Marionetten“ erschienene Roman von John le Carré beleuchtet das mit psychologischer Raffinesse, philosophischer Klugheit und politischem Scharfblick. Die Kino-Adaption geht nicht so in die Tiefe wie das Buch. Doch der gesellschaftskritische Aspekt bleibt wirkungsvoll erhalten. In jeder Szene ist klar: Misstrauen beherrscht alle Beteiligten. Es gibt keine Guten und keine Bösen, es gibt nur Menschen im Minenfeld zwischen den Polen. Die Spannung ist deshalb besonders stark, weil das wirklich jede Figur betrifft. Ist Karpov ein unschuldiges Opfer oder doch gefährlich? Sind die Geheimdienstler allesamt wirklich nichts als Büttel der Profitgier? Die entscheidende Frage von Buch und Film: Müssen moralische Fragen über Bord geworfen werden, wenn es gilt, Menschen vor Terroristen zu schützen?

James Bond & Co. haben hier keine Chance. Bei aller Thriller-Atmosphäre überwiegt ein nüchterner Blick auf die Gegenwart. Krach-Bumm-Zisch-Nummern bleiben aus. Die Inszenierung setzt auf kalte Präzision im Blick auf das Räderwerk der Macht. Kein Wunder, dass Hamburg, Hauptort der most_320_1Handlung, alles andere als romantisch aussieht. Auch den Protagonisten haftet nichts Glamouröses an. Hier agieren Würmer, die wissen, dass sie jederzeit von „denen da oben“ zertreten werden können. Freilich: Der schonungslose Blick auf „die da oben“ bleibt aus. Muss er zwangsläufig. Denen „da unten“, zu denen le Carré und Corbijn gehören, wird er nun mal verwehrt.

Star des Films ist Philip Seymour Hoffman als Günther Bachmann. Immer eiskalt den Helfershelfer zeigend, lässt er doch auch Momente emotionaler Wärme zu, balanciert den Charakter geradezu gruselig intensiv zwischen Grauen und Menschlichkeit. Der vor einigen Monaten verstorbene Schauspieler erinnert damit an einen großen Charakterdarsteller aus Deutschland: Wolfgang Kieling. Der spielte 1965 in Alfred Hitchcocks „Der zerrissene Vorhang“ den DDR-Spion Hermann Gromek. Daran denkend, wird einem ernüchternd klar, dass sich mindestens seit einem halben Jahrhundert nichts geändert hat: erste und wichtigste Aufgabe der Frauen und Männer im Dunkel der Geheimdienste ist es, die Sicherheit der Mächtigen zu garantieren.

Peter Claus

A Most Wanted Man, von Anton Corbijn (Großbritannien/ Deutschland/ USA 2014)

Bilder: Senator

 

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