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Familienerkundungen besonderer Art. Mit dem gleichnamigen Buch hat Schauspielerin und Regisseurin Adriana Altaras die Steilvorlage geliefert. Es war schwer vorstellbar, der von Charisma, Charme und Chuzbe plus Kodderschnauze und ganz viel Gefühl dazu obendrein Politik und Zeitgeschichte geprägten Erinnerungsreise auf Suche nach der eigenen Herkunft überzeugend auf der Leinwand noch einmal zu begegnen. So, dass die Begegnung auch lohnt.

Titos_320Und nun: eine schöne Überraschung. Wirklich lohnenswert. Regisseurin und Autorin Regina Schilling hat vieles beiseite gelassen, stellt manches stärker in den Vordergrund als es Adriana Altaras im Buch getan hat – und setzt vor allem auf die Power der Protagonistin. Die fährt im alten Mercedes ihres Vaters durch halb Europa, guckt, fragt, staunt, häusliche Super-8-Filme, die sie im Erbe der Eltern gefunden hat, ergänzen. Und als Zuschauer ist man immer dicht dran. Man schwitzt mit Adriana Altaras mit, wenn einer der alten Filme plötzlich eine Geliebte des toten Vaters zeigt, staunt, wie das böse Erbe des Zweiten Weltkriegs noch heute Europa prägt, kuscht, wenn die hoch betagte Tante der Hauptfigur mal eben kurz Verhaltensmaßregeln gibt. Der Titel – „Titos Brille“ – markiert einen spannenden Ausgangspunkt: Altaras’ Vater war Partisan in Jugoslawien, kämpfte gegen die Nazis, und er wurde, dank Marschall Titos Brille, zum Helden. Wobei Heldentum nun mal so zerbrechlich ist wie es Brillengläser sind. Was da so heraus kommt, lässt einen auch schmunzeln, ja, herzhaft lachen.

Vater und Mutter Altaras waren auch Juden. Das gibt der Reise ins Gestern, die schnurstracks ins Heute führt, eine starke politische und historische Dimension. Die wird nicht strapaziert. Sie wird klug reflektiert. Auch das macht die Größe der Dokumentation aus. Dokumentation? Das Etikett Essay trifft’s wohl besser.

Ja, der Film bietet reichlich Futter für Leute, die sich gern mit Zeitgeschichte befassen. Entscheidender aber: Er erreicht durch die enorme Präsenz von Adriana Altaras, dass man sich Menschen, die einem selbst doch fremd sind, ganz nah fühlt – und somit eben die Zeitgeschichte erfühlen kann. Damit dürfte der Film eine Wirkung entfalten, die weit über Geschichtsunterricht oder Museumsbesuche hinausreicht. Unbedingt ansehen!

Peter Claus

Titos Brille, von Regina Schilling (Deutschland 2014)

Bilder: X-Verleih

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