Wir sind jung. wir sind stark. (Burhan Qurbani)

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Alle reden über Terrorismus. Alle sind erschrocken. Und die meisten vergessen, dass es in Deutschland schon viele, viel zu viele, terroristische Angriffe gegen die Freiheit gab. Ein Beispiel: die fremdenfeindlichen Progrome im Sommer 1992 in Rostock-Lichtenhagen.

Drehbuchautor und Regisseur Burhan Qurbani („Shahada“) hat über Jahre recherchiert, ehe er sich ans Drehen seines Spielfilms gewagt hat. Ein Wagnis ist es, versucht er doch, sich in viele der Beteiligten, Täter voran, einzufühlen. Der oft dokumentarisch anmutende Stil führt dazu, dass mögliche Gefahren, ins Sentimentale abzugleiten, umschifft werden. Allerdings: eine enorme Zuspitzung bleibt aus. Der Film mutet erstaunlich brav an. So steht zu befürchten, dass er wenig zu Diskussionen anregt. Dennoch: Ansehen lohnt.

wir-sind-jung-wir-sind-stark-teaserDer Schrecken des Terrors wird deutlich, wenn da die wilde Meute tobt. Zu dieser Meute gehört der Jugendliche Stefan (Jonas Nay), der mit einer Gang Randale macht. Auf der anderen Seite sind zum Beispiel Asylbewerberin Lien (Trang Le Hong), ihr Bruder und die schwangere Schwägerin. Sie alle sind direkt in das Geschehen eingebunden. Die spannendste Figur aber ist eine „Randfigur“, Stefans Vater, ein Lokalpolitiker, der nichts als seine Karriere im Sinn hat. Devid Striesow gibt ihm die Aura fataler Geschäftigkeit, die letztlich immer nur auf das eigene Fortkommen ausgerichtet ist. Dieser Bürgersmann ist kein böser, auch kein dummer Mensch. Aber in seiner Beschränktheit und Blindheit heizt er, ohne es zu wollen, die Gewalt an. Hört man ihm zu, seinen Phrasen, windet man sich vor Scham. Und vor Wut, denn man hat den Eindruck, dass dieser Mann auch heutzutage zum Durchschnitt in Deutschland gehört. Wenn sein Sohn Stefan dann ganz vorn mit dabei ist, da die Brandsätze in das Asylbewerberheim geschmissen werden, wenn er sich ins johlende Monster verwandelt, kommt einem Brechts „Arturo Ui“ in den Sinn, das Anti-Nazi-Drama, in dem es heißt „Der Schoß ist fruchtbar noch aus dem das kroch.“ Und schon landet man als Zuschauer gedanklich in der Gegenwart. Schade nur, dass die filmische Zuspitzung nicht zur Provokation reift, um mehr als einen „Aha“-Effekt zu erzeugen.

Auf der Plus-Seite des Films: die Figuren sind nicht schematisch gezeichnet, Klischees kommen kaum vor. Die Täter sind nett und adrett, auf den ersten Blick freundliche junge Menschen von nebenan. Sie werden zu Tätern, weil Arbeits- und Perspektivlosigkeit sie erniedrigen. Das zeigt der Film deutlich als einen Aspekt, verschweigt nicht, dass auch das unmittelbare Umfeld, etwa ein „Abgeschoben-Sein“ innerhalb der Familie, fatale Folgen haben kann. Klar wird gezeigt: will die Gesellschaft Frieden, muss sie so gestaltet sein, dass der Friede gedeihen kann. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit sind gefragt.

Auch Formal sammelt der Film Pluspunkte. Denn es ist ein kunstvoller Blick, mit dem hier ein Teil der Wirklichkeit beleuchtet wird. Dafür sorgt insbesondere die Bildgestaltung, zunächst in kühlem Schwarz-Weiß, wenn die Lieblosigkeit des Lebens von Stefan und den Anderen gezeigt wird, dann in grellen Farben, da der Terror tobt. Da wird die Kamera dann auch beweglicher, dringt mitten ins Geschehen, ohne dabei auf grelle Effekthascherei zu setzen. Dadurch wird Fremdenhass als Teil unseres Alltags deutlich.

Peter Claus

Bilder: © Zorro Filmverleih

Wir sind jung, wir sind stark, von Burhan Qurbani (Deutschland 2014)

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