36. Filmfestival Max Ophüls Preis 2015

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Das Finale – Preisverleihung

Freistatt
„Freistatt“ von Regisseur Marc Brummund hat den Publikumspreis und den Preis der Jugendjury bekommen

Es ist müßig, sich über Jury-Entscheidungen zu ärgern. Es ist ja bei nahezu jedem Festival so, dass die Jury scharf am Votum von Zuschauern und Kritik vorbei wertet. Aber: a bisserl wundern darf man sich schon.

Die Saarbrücker Jury huldigt der Schweiz. Das ist in Ordnung. Fünf Schweizer Spielfilme waren im Hauptwettbewerb, und sie gehörten durchweg zu denen, die am heftigsten diskutiert wurden. „Chrieg“ vor allem, nun mit dem wichtigsten Preis, dem Max Ophüls Preis ausgezeichnet, hat hier für Pro und Contra gesorgt. Erzählt wir die Geschichte eines Jugendlichen, der orientierungslos durch den Alltag irrt. Der Vater schickt ihn unter Zwang auf einen Bauernhof, wo er von Kriminellen „zum Mann“ gemacht wird. Er wird misshandelt, gequält, „erzogen“. Der Junge wird gebrochen und selbst zum Monster. Regisseur Simon Jaquement – der handwerklich fast makellos arbeitet – will vermutlich, das sei ihm wohlwollend unterstellt, Kritik an brutalen Erziehungsmethoden übern. Doch das misslingt, da er keine Reflexion anbietet. Die Story wird zu konturenlos abgespult, bleibt zu sehr an der Oberfläche. Fatal: Zunächst, in seinem Durchschnittsdasein, blickt der Protagonist nur unglücklich, verbissen. Das erste Mal lächelt er, als er schwer gequält wird und sich als „starker Mann“ behaupten muss. Da kommt ein Menschenbild von der Leinwand herunter, dass mindestens überholt wirkt, wenn nicht gar gefährlich. Hier nämlich drängt sich der gedankliche Schluss auf, dass Kinder und Jugendliche durch Gewalt zu „vollwertigen Mitgliedern der Gesellschaft“ werden. Pass Dich an und Du passt ins Leben. Es gruselt einen.

In Äußerlichkeiten bleibt auch „Driften“ von Karim Patwa, ausgezeichnet mit dem Filmpreis der Saarländischen Ministerpräsidentin. Auch hier wird vor allem auf Oberflächenreize gesetzt, denen die Jury auf den Leim gegangen ist. Die schlimmste Fehlentscheidung aber: „Cure – Das Leben einer Anderen“ von Regisseurin Andrea Štaka, eine Identitätskrisen-Schmonzette, die in Locarno und Sarajevo zu recht durchgefallen ist, erhielt den „Preis für den gesellschaftlich relevanten Film“. An diesem Film ist nichts relevant, gar nichts. Denn die Geschichte, die in Ex-Jugoslawien spielt, weitet den Blick nie über den Nabel der Hauptfigur hinaus. Wirklich eine krasse Fehlentscheidung. Da darf man sich schon ärgern. Denn „Verfehlung“ und „Freistatt“ haben wirklich gesellschaftliche Relevanz, und sind auch handwerklich besser als „Cure“. Man schüttelt nur mit dem Kopf.

„Unter der Haut“ und „Confusion“, zwei wirklich starke Schweizer Filme, sind hingegen leer ausgegangen. Schon wieder Kopfschütteln!

Immerhin: „Freistatt“ von Regisseur Marc Brummund hat den Publikumspreis und den Preis der Jugendjury bekommen. Ein kleiner Trost, ein wenig ausgleichende Gerechtigkeit. Ärgerlich ist, dass „Verfehlung“ völlig leer ausgegangen ist. Der vom Drehbuch, von der Inszenierung und vom Schauspiel vollkommen überzeugende Film, der mit großer emotionaler Spannung und mit Gedankenreichtum packt, gehört zum Besten, was in den letzten Jahren in Deutschland an Kino-Spielfilmen realisiert worden ist. Man kann nur hoffen, dass das breite Publikum die Qualitäten des Films würdigt. Er startet Mitte März in den Kinos!

PREISTRÄGER – ÜBERSICHT   hier

Tag 6

Margarethe von Trotta hat Saarbrücken erobert. Klug, bodenständig, selbstbewusst hat die Regisseurin, Autorin, Schauspielerin in vielen öffentlichen und privaten Gesprächen das Festival bereichert. Wohl einhellige Meinung viele junger Filmemacher: Das Durchstehvermögen dieser Frau hätten wir auch gern.

Schön für den Kritiker: mehrfach, dabei sanft, nicht mit dem Holzhammer, hat Margarethe von Trotta daran erinnert, dass Filme, Spielfilme zumal, auch die Aufgabe haben, gesellschaftliche Realität zu spiegeln und kritisch zu bewerten. Angesichts eines Festivals, in dem zu viel Nabelschau, zu viel Mittelmaß im Langfilm-Wettbewerb, dem Herzstück der Woche, zu durchleiden waren, tat das wohl.

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Margarethe von Trotta (© Manfred Breuersbrock)

Negativ aufgefallen: der Hang zu so genannten Impro-Filmen, Spielfilmen, die von Improvisationen der Schauspieler geprägt werden. Das kann sehr reizvoll sein, wenn es derart gut gelingt, wie vor wenigen Jahren bei „Dicke Mädchen“ von Axel Ranisch. Vergleichbares war hier nicht auszumachen, die Improvisationen versickerten in Selbstbespiegelung, Nabelschau, Eitelkeit.

Positiv aufgefallen: das riesige Reservoir an hervorragenden NachwuchsschauspielerInnen, auch Laien. Natürlich: daran hat immer auch die Regie einen großen Anteil. Doch es fielen einige Akteure auf, die schon allein durch ihr Charisma wirken. Es sind viele, denen man eine große Karriere wünscht.

Ebenfalls positiv aufgefallen: der Dokumentarfilm ist weiter en vogue. Der Trend der letzten Jahre setzt sich fort. Ob spielerisch oder politisch engagiert: viele Dokus hier in Saarbrücken haben eine starke Anziehungskraft auf das Publikum. Selbst wenn Themen behandelt werden, die durch Zeitungen, Radio oder TV weit gespiegelt werden, locken die Dokus in die Kinos. Kein Wunder: wenn gut, packen sie mit einer handfesten Melange von Informationen und Emotionen, wie das relativ kurze Reflexionen in den schon genannten Medien nicht können.

Fazit: Die Reise nach Saarbrücken hat sich auch in diesem Jahr gelohnt, selbst wenn mancher Spielfilm im Hauptwettbewerb mehr Gähnen als Interesse hervorrief. Vielen Filme kann man in den nächsten Monaten im Kino-Alltag begegnen, sie haben schon Starttermine – „Verfehlung“, „Freistatt“, „Kafka Der Bau“ beispielsweise. Da nicht mit riesigen Werbeetats ausgestattet, müssen die Filme dann durch ihre Stärke das Publikum locken. Saarbrücken hat Starthilfe geleistet. Das ist mehr als manch anderes Festival bietet.

Tag 5

Der Langfilmwettbewerb ist durch. Tatsächlich gab es zu viel Mittelmaß. Weit verbreitete Ansicht: das Beharren des Festivals, möglichst nur Film im Hauptwettbewerb zu zeigen, die noch nirgendwo anders zu sehen waren, zahlt sich nicht aus. Die dadurch kleinere Auswahl birgt von vornherein die Gefahr, zu viel Durchschnittliches annehmen zu müssen. Von dieser in diesem Jahr eingeführten Regel sollte das Festival wieder abweichen.

Nichtsdestotrotz: Die Stimmung ist gut.

Schließlich gibt es auch in anderen Sektionen und Wettbewerben reichlich Entdeckungen zu machen, etwa in der Dokumentarfilmkonkurrenz. Und: Margarethe von Trotta ist da. Als Ehrengast des Festivals zeigt sie eine kleine Auswahl ihrer Filme, stellt sich den Gesprächen. Eine der schönen Angebote des Festivals, Newcomer und Etablierte miteinander in den Dialog zu bringen.

Auffallend: Die starke Schweizer Präsenz. Zu den Filmen, über die als mögliche Preistreäger spekuliert wird, gehören auch zwei der Produktionen aus dem Alpenland: „Chrieg“ und „Unter der Haut“. Gehen bei „Chrieg“ die Meinungen sehr auseinander, herrscht bei „Unter der Haut“ doch einhellig Zustimmung. Abgesehen von dem starken Schauspiel, worüber an dieser Stelle schon geschrieben wurde, fesselt, wie gut privates Schicksal und Sozialbild miteinander verknüpft sind. Das überhaupt scheint eine der Stärken des gegenwärtigen jungen Schweizer Films zu sein: nie bleibt’s bei intimer Nabelschau, immer weitet sich der Blick auf die Gesellschaft.

Von den deutschen Beiträgen des Hauptwettbewerbs lässt sich das leider nicht immer sagen. Zu oft bleibt’s klein-klein. Aber auch hier: Herausragendes, wie „Verfehlung“ und „Freistatt“. Die Jury hat die Qual der Wahl.

Tag 4

Täglich vier bis sechs lange Filme und einige kurze dazu – das schlaucht. Trotzdem halten viele im Festivalclub, Lolas Bistro, bis frühmorgens durch.

Und die Filme? Auch wenn mal nicht so überzeugend, gibt es immer Aspekte, über die das Nachdenken und Nach-Diskutieren lohnt. Auffallend wieder einmal: wie viele großartige Schauspielerinnen und Schauspieler es gibt. Zwei davon, Nachwuchsakteure, dürfen sich auf eine Auszeichnung hier freuen. Die Älteren haben darauf keine Chance. Dabei haben etwa Ursina Lardi im Schweizer Wettbewerbsbeitrag „Unter der Haut“ und Sebastian Blomberg in „Verfehlung“ alle Ehren verdient! Beide faszinieren dadurch, dass sie mit Mimik und Körpersprache Ungesagtes hörbar machen können. Große Könner.

Langsam, klar, beginnt die Gerüchteküche zu brodeln – welche Filme wird die Jury wohl besonders bedenken? Zu früh. Noch stehen Wettbewerbsbeiträge aus. „Unter der Haut“ (Regie: Claudia Lorenz) könnte durchaus zu den Preis-Kandidaten gehören. Die Story hört sich in Stichworten nicht sehr originell an: Alice erfährt, dass ihr Ehemann Frank schwul ist. Was nun? – Der Film fesselt durch seine formale Gestaltung, dadurch, dass er einerseits mit klugen Beobachtungen gesellschaftliche Realität einfängt, und andererseits der Figur der Frau genügend Spielraum lässt. Ängste und Hoffnungen und Alices Kampf um die Ehe, letztlich ein Kampf der Selbsterhaltung, werden deutlich. Und das alles fesselt den Zuschauer insbesondere durch Ursina Lardis einfühlsames, nie ins sentimentale abgleitende Porträt der Frau. Kino mit Gehalt und Schauwert!

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Unter der Haut

Interessant ist der Vergleich mit „Wir Monster“, auch ein Film um eine zerbröckelnde Familie. Regisseur Sebastian Ko setzt allerdings auf hoch dramatische Zuspitzungen, wandelt geradezu auf Krimipfaden. Das dient durchaus der äußeren Spannung, lässt den Blick aber von den inneren Zuständen und Kämpfen der Figuren abgleiten. Leise Töne sind manchmal die wirksameren! Aber auch dies: Kino. Hier und insgesamt fällt auf, dass die durchdachte Bildgestaltung wieder im Kommen ist. In Saarbrücken punkten viele junge Filmemacher mit dem Bekenntnis zum Kino als Ort optischen Genießens. Das stimmt froh für die Zukunft der siebten Kunst.

Tag 3

Auf dem Festival passiert das Beste, was auf einem Festival passieren kann: das Publikum streitet lustvoll um einige der Filme.

Besonders heftige Reaktionen rief – innerhalb des Hauptwettbewerbs – „Lichtgestalten“ hervor. Autor und Regisseur Christian Moris Müller erzählt in einem ausgeklügelt kunsthandwerklichen Kammerspiel von einem Paar (gespielt von Theresa Scholze und Max Riemelt), das sein Leben „auf Null setzen“ möchte. Geht das? Aussteigen? Alles weggeben oder gar wegwerfen? Flucht vor sich selbst?

Der Film watet optisch und akustisch geradezu durch Kitschfluten. Wer bodenständig ist, fragt sich nach wenigen Minuten, was das ganze Theater soll – und geht trotzdem nicht aus dem Kino. Denn die Flut an Kitsch führt zu einem kraftvollen Sog. Da sitzt man dann als Kritiker in der Patsche. Und diskutiert mit. Viele wären nicht überrascht, wenn der Film einen der, wenn nicht gar den Hauptpreis bekäme, denn er ist wunderbar für eine Jury, es wird nirgends wirklich angeeckt, es lässt sich aber unheimlich viel hineindeuten. So kann man den Film als Attentat auf die ausgetretenen Pfade des saturierten Lebens der heute etwa 30-Jährigen betrachten, als Absage an das von Internet, Mobiltelefon und anderen technischen Lebenssteuerern dominierte Dasein satter Bürgerkinder betrachten. Man kann. Muss aber nicht. Man darf auch den Kopf schütteln und sich fragen, wieso ein junger Filmemacher sämtliche Klischees von Schicki-Micki-Nicht-Sinn bedienen muss.

Oft hier zu hören: Hängt die Maßstäbe nicht so hoch, es sind Filme vom Nachwuchs. Dem stimmt der Kritiker spontan gern zu. Und widersetzt sich dann doch. Wieso niedrigere Maßstäbe? Die jungen Künstler stellen sich der Öffentlichkeit, wollen ernst genommen werden, meinen es oft ja auch ernst. Da sind abgeschwächte Erwartungen fehl am Platz! Man muss nicht mit Samthandschuhen nach Saarbrücken kommen.

Von vielen, vielen nach „Verfehlung“ einhellig geschätzt: „Freistatt“. Der Film spielt Ende der 1960er, Anfang der 70er Jahre, angeregt von tatsächlichen Ereignissen. Der rebellische 14-jährige Wolfgang (Louis Hofmann) wird vom Stiefvater in das Erziehungsheim Freistatt abgeschoben, damals eine weithin berüchtigte Aufbewahrungsanstalt für so genannte schwierige Jugendliche. Ziel der „Erziehung“: die Jugendlichen sollten gebrochen werden. Harte Arbeit, körperliche Züchtigung und psychische Qual waren auf der Tagesordnung. Wolfgang durchläuft all das – und wird selbst zum Monster.

Freistatt
Freistatt (Foto: Boris Laewen)

Abgesehen von der handwerklichen Präzision und der schauspielerischen Präsenz, fesselt der Film auch deshalb so stark, weil er natürlich ein Licht auf die heutige deutsche Gesellschaft wirft: die Menschen, die vor etwa 45, 50 Jahren zu Anpassung und Unterwerfung erzogen wurden, gehören heute zu denen, die das Land wesentlich prägen und oft in Schlüsselpositionen das Sagen haben. Vor allem dieser Aspekt gibt dem Film eine große Bedeutung, die durchaus eines Preises würdig wäre!

Ab und an: neckische Randbeobachtungen. Zur abendlichen Aufführung stellt ein Moderator kurz die Hauptjury vor. Fröhlich fragt er, deutlich signalisierend, dass er gar nicht an einer Antwort interessiert ist, es sei doch wohl alles gut und frisch und schön, nicht wahr. Schauspielstar Hannelore Hoger antwortet mit einem erfrischend trotzigen „Nein!“. Wie schön, dass es noch Leute mit Charakter gibt, die sich nicht dem Zwang der Wir-haben-uns-doch-alle-lieb-Heuchelei unterwerfen. Einen Ehrenpreis für Frau Hoger bitte!

Tag 2

Die Festivalleitung ist stolz darauf, im Hauptwettbewerb nahezu ausschließlich Uraufführungen und deutsche Premieren zu zeigen. Darüber darf gestritten werden, und das Publikum streitet. Denn den Besuchern hier ist es egal, ob ein Film schon in Locarno oder Hof zu sehen war. Und weil Saarbrücken vor allem ein Publikumsfestival ist, ist dieser Aspekt nicht zu vernachlässigen. Die Beschränkung auf Novitäten erweist sich – wie schon auf anderen Festivals – als böse Falle. Denn sooo groß, dass unter dieser Vorgabe nur Gutes zu bekommen ist, ist das Angebot nicht. Also läuft auch manch Mittelmäßiges, am ersten Tag zu viel davon.

Heftige Diskussionen hat der schweizer Beitrag „Chrieg“ ausgelöst. Erzählt wir die Geschichte eines Jugendlichen, der orientierungslos durch den Alltag irrt. Er hängt ab, holt sich eine Prostituierte, versucht die Mutter zu unterstützen. Der Vater (oder Stiefvater? – da erzählt der Film ungenau) hat nur sein Fitness-Training und überholte Männlichkeitsideale im Kopf. Ihn stinkt der lethargische Knabe an. Der landet schließlich auf einem Bauernhof, wo er von kriminalisierten Jugendlichen „zum Mann“ gemacht wird. Er wird misshandelt, gequält, „erzogen“. Und – da ist der Film fatal – fühlt sich genau dadurch erstmals in einer Gemeinschaft angenommen. Man ahnt rasch, wie der Film ausgeht, nämlich mit Rache am (Stief?)-Vater.

Falls der Regisseur Simon Jaquement Kritik an brutalen Erziehungsmethoden bieten will, ist ihm das gründlich misslungen. Nichts da an Reflexion oder Nachdenken. Die Beleuchtung der Ereignisse ist zu konturenlos, bleibt zu sehr an der Oberfläche. Schade.

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Verfehlung (Foto: Alina Bader)

Einhellige Zustimmung hingegen fand der deutsche Wettbewerbsbeitrag „Verfehlung“. Da ahnt ein Priester, dass sich ein Freund und Kollege an einem Minderjährigen sexuell vergriffen, ihn misshandelt hat. Was tun? Schweigen? Den Freund anzeigen? Selbstjustiz? Der streng komponierte Film überzeugt nicht nur wegen seines exzellent agierenden Hauptdarstellers Sebastian Blomberg. Die Dialoge sind klug, die Bilder beben, gerade weil äußerlich sehr streng und verhalten anmutend, nur so vor innerer Spannung. Gut ist, dass das Verhalten von Kirchenoberen, das auf Vertuschen und Verschweigen aus ist, zwar gezeigt wird, aber nicht im Zentrum steht. Da ist der Priester, der allein eine Entscheidung fällen muss. Als Zuschauer ist man durch die Konzentration der Erzählung ganz dicht bei der Hauptfigur und man beginnt sich selbst zu fragen und in Frage zu stellen. Starkes Kino. Bisher der einzige Kandidat für den Max Ophüls Preis der am Samstag vergeben wird.

Tag 1

Das 36. Festival um den Max Ophüls Preis, die wichtigste Tribüne des deutschsprachigen Nachwuchskinos, begann mit Rührung: Hans W. Geißendörfer, Autor, Produzent, Regisseur, und nicht allein wegen der „Lindenstraße“ eine Schlüsselfigur des bundesdeutschen Films, wurde für seine Leistungen als Förderer des Nachwuchses mit dem in diesem Jahr zum vierten Mal vergebenen Ehrenpreis des Festivals geehrt. Freund und Kollege Hark Bohm hielt eine emotionale, bewegende, auch witzige, von große Nähe geprägte Laudatio. Geißendörfer war derart gerührt, dass man noch im hinteren Teil des Kinos meinte, den Schlag seines Herzens zu spüren. Großes Kino.

36. Filmfestival Max Ophüls Preis 2015 - Eröffnung
© Sebastian Woitke

Der außerhalb der Konkurrenz, 16 Filme beispielsweise im Spielfilm-Wettbewerb, gezeigte Eröffnungsfilm, passt gut zum Festival: „Die Räuber“, frei nach Schiller, inszeniert vom (nicht mehr jungen) Nachwuchsregisseur Frank Hoffmann aus Luxemburg und seinem (erfahrenen) Kollegen Pol Cruchten hatte ebenfalls ein rührendes Element: es ist der letzte Film des im Vorjahr verstorbenen Maximilian Schell. Aber nicht allein damit punktet die deutsch-luxemburgisch-belgische Gemeinschaftsproduktion: der kühle Thriller erweist sich als kluge Übertragung des Dramas in die Gegenwart, angesiedelt im Banken-Milieu. Schillers starke Geschichte vom Verrat an der Menschlichkeit ist da psychologisch geglättet, in ihrer Gesellschaftskritik jedoch bestechend scharf. Und spannend. Sollte der Film typisch für diesen Festivaljahrgang sein, dürfte der stark ausfallen.

Der Blick in den Katalog verspricht einiges an Gewicht. Viele Filme wirken (im Katalog!) in der Kurzbeschreibung, als seinen sie unmittelbar im Reflex auf gegenwärtige gesellschaftliche Schieflagen in der westlichen Welt entstanden. Dabei fällt auf, dass die jungen Schweizer Filmemacher (gleich mit vier Beiträgen im Hauptwettbewerb vertreten) offenbar mächtig im Kommen sind. Zu Festivalbeginn hoch gehandelt: „Verfehlung“ (Deutschland) von Gerd Schneider. In dem mit Sebastian Bromberg in der Hauptrolle hochkarätig besetzten Film geht es umt einem Fall von sexuellem Missbrauch durch einen Priester. Die Spannung auf den Film ist groß. Wie die Spannung auf diese Festivalausgabe insgesamt.

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