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„Judenälteste“. Der Begriff klingt harmlos für jemanden, der nicht weiß, was er einst meinte. „Judenälteste“ nannten die deutschen Faschisten Gefangene jüdischen Glaubens, die sie in den Ghettos und Lagern als so etwas wie Verbindungsmänner zwischen ihnen, den Herrenmenschen im Blutrausch, und den von ihnen Misshandelten einsetzten. „Judenälteste“, selbst in unmittelbarer Todesgefahr, wurden zum Mittun gezwungen, mussten etwa Namenslisten zusammenstellen – Todeslisten. Opfer? Täter? Helden? Sie konnten auch helfen, konnten Einzelne retten.

Claude Lanzmann, dessen Film Shoah“, seine machtvolle und gedankenreiche filmische Auseinandersetzung mit dem Faschismus 1985 herauskam, hat 1975 mit Benjamin Murmelstein gesprochen, einem „Judenältesten“. 1943 wurde der österreichische Rabbiner nach Theresienstadt verschleppt. Er hat überlebt. Die Zeit danach: eine Existenz zwischen Hammer und Amboss, wie Murmelstein sagt. Manche Schläge habe er abwehren können, doch jeder Schlag habe ihn selbst getroffen.

Lanzmann hat Archivmaterial benutzt, das illustriert,  historische Zusammenhänge erklärt. Das Entscheidende aber: die Erinnerungen von Benjamin Murmelstein. Man fasst es kaum, dass er mit allem, was ihn wohl Tag für Tag und Nacht für Nacht an Schreckensbildern heimsuchte bis 1989, also 44 Jahre, leben, überleben, konnte. Zur Zeit des Interviews war er 70. Man sieht einen kraftvollen, gebildeten, seine Gefühle beherrschenden Mann. Opfer oder Täter? Die Frage stellt man sich gar nicht mehr, wenn man den Film gesehen hat. Man ist nur froh, dass man selbst nichts Derartiges durchmachen musste wie Benjamin Murmelstein. Aber natürlich fragt man sich, wie man sich selbst verhalten hätte. Das bringt einen dazu, sich wieder einmal mit dem Grauen der Jahre 1933 bis 1945 zu beschäftigen. Und man unterschreibt ohne Zögern die Forderung, dass solche Auseinandersetzung nicht nachlassen darf – wegen der Gegenwart, der Zukunft. Das Unvorstellbare, das damals geschah, geschieht heute wieder. Dieser Film hilft, Mut zu bekommen, dagegen anzugehen.

Peter Claus

Bilder: Koch Media

Der Letzte der Ungerechten, von Claude Lanzmann (Frankreich / Österreich 2013)

 

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