staatsdiener 680

Bei dem Wort „Staatdiener“ dreht sich einem erst einmal der Magen um. Kadavergehorsam und Untertanengeist kommen einem in den Sinn. Dazu der Terror der Nazis. Nach Sehen dieser Dokumentation geht es einem ein wenig anders mit dem schwergewichtigen Begriff.

Den Auftakt bestimmt eine fast komische Szene: Zwei Männer, leicht angetrunken, streiten sich. Zwei junge Polizeibeamte in Uniform wollen mit Freundlichkeit schlichten. Plötzlich kommt ein Messer ins Spiel … – Momente wie dieser machen einem rasch klar: Polizeiarbeit ist alles andere als einfach. Freilich ist das keine neue Erkenntnis. Beschränkte sich der Film darauf, wäre er nicht der Rede wert. Doch Autorin und Regisseurin Marie Wilke geht tiefer, indem sie Polizeischüler sehr genau beobachtet. Sie spiegelt Erwartungen und Enttäuschungen der jungen Leute. Deutlich wird dabei rasch: Die Ausbildung, wie ausgetüftelt auch Übungen durch gespielte Konfliktszenen, wie die eingangs beschriebene, sind, kann die Anforderungen der Realität kaum wahrheitsgetreu widergeben. Theorie und Praxis driften weit auseinander. Martina Wilke zeigt’s mit Bedacht. Sie durfte mit den von ihr über Monate begleiteten Rekruten einer Polizeischule in Sachsen-Anhalt ohne Einschränkungen von Behörden zusammen sein. Die Zeit hat sie mit spürbarem Respekt genutzt. Das zahlt sich aus. Die jungen Leute wirken absolut ungekünstelt und authentisch

Chronologisch montiert, kommt der Kontrast zwischen gestellten Szenen in der Ausbildung, wie der eingangs beschriebenen, und denen aus der Wirklichkeit deutlich heraus. Da fließt dann auch mal Blut, wenn wirklich ein Messer auftaucht. Momente wie so einer hätten viele Möglichkeiten für Action im Sinne von Reality-TV gegeben. Die von der Regisseurin nicht genutzt wurden. Gut so. Sie erzählt ruhig, beobachtet mehr als das sie beschreibt, stellt niemanden bloß. So kommt man den Rekruten nah, kann ihre Ängste und Hoffnungen sehr deutlich nachvollziehen.

Zwei der jungen Leute rücken im Verlauf des Films ins Zentrum der Aufmerksamkeit: Kathrin Cruz, eine eher verhalten anmutende Frau, und Viktor Seletsky, ein Draufgänger. „Ich bin der Staat und Schluss.“, so seine Devise. Doch auch bei ihm: Unsicherheiten, Zurückhaltung, Abwägen. Das Spannungsfeld, in dem sich Polizisten tagtäglich bewegen müssen, wird überaus deutlich. Da werden dann zu Recht Fragen der Moral diskutiert. Und die muss sich jeder stellen, egal in welchem Alter, egal in welchem Beruf. Da weitet sich der Film dann zur Auseinandersetzung mit Grundfragen der Demokratie. Das macht ihn wichtig.

Peter Claus

Bilder: Zorro

Staatsdiener, von Marie Wilke (Deutschland 2015)

 

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