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Der Blick zurück gilt hierzulande, im Fernsehen, derzeit vor allem der deutsch-deutschen Vergangenheit bzw. Wiedervereinigung. Mehr als Seifenopern-Niveau wird dabei selten erreicht. Event-Fernsehen gibt den Ton an. Im Kino gilt die Rückschau eher den 1950er und 60er Jahren. Und da geht’s erfreulicherweise meist seriöser zu. So exzellent, packend in Inhalt und Form, wie Lars Kraumes neuer Spielfilm – das allerdings ist die Ausnahme.

Der Film prasselt regelrecht auf einen nieder. Die Spannung ist enorm. Ein handfester Polit-Thrillers Made in Germany ist zu erleben. Die Story beruht auf Tatschen: Fritz Bauer (1903 – 1968), Ende der 50er Jahre Generalstaatsanwalt in Frankfurt/Main, müht sich verzweifelt, eine umfassenden juristische Auseinandersetzung mit den Verbrechen der Hitler-Diktatur durchzusetzen, eine Abrechnung mit deren Protagonisten. Viel zu viele von denen, die dazu gehören, haben sich jedoch in hohen Ämtern festkrallen können. Und sie behindern Bauers Bemühungen. Ja, dreist und frech, zeigen sie ihm unverblümt ihre Verachtung und Feindschaft. Und sie arbeiten gegen ihn, dies allerdings feige im Versteck. Freunde? Bauer kann sie an einer Hand abzählen. Kaum jemand steht dem unter Hitler als Jude und als Sozialdemokrat verfolgten Mann bei. Er aber gibt nicht auf. Als er ganz nah an die Möglichkeit kommt, Adolf Eichmann zu finden, einen der Funktionäre der organisierten Ermordung Hunderttausender Juden, kann er nicht aufgeben. Bauer, nahezu allein in Deutschland, holt sich Hilfe von Geheimdienstmännern aus dem Ausland. Damit verstößt er gegen deutsches Recht. Er begeht Landesverrat, indem er kräftig dem israelischen Geheimdienst Mossad hilft. Bauers Ziel: der Massenmörder Eichmann soll in Deutschland vor Gericht. Bekanntermaßen kommt es dazu nicht.

Den reaktionären Mief in der Herrschaftsetagen der Bundesrepublik Deutschland im Jahrzehnt nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs fängt der Film subtil ein. Dabei macht sich die intelligente Montage von Aspekten in Fritz Bauers Privatleben mit Momentaufnahmen der gesellschaftlichen Situation bezahlt. Kraume und Drehbuchmitautor Olivier Guez haben dafür eine starke Story geschrieben und, bemerkenswert, Dialoge erfunden, die durchgängig lebendig anmuten, die gehaltvoll sind, ohne lehrbuchhaft zu wirken. Coup des Films: Dezent wird gezeigt, dass der verheiratete Jurist Fritz Bauer im Geheimen seine homosexuellen Neigungen ausgelebt hat. Ein gefundenes Fressen für seine Widersacher in Justiz und Politik. Sie wollten das natürlich gegen ihn ausnutzen. In Momenten des Films wird dazu deutlich, wie stark eine Demokratie gefährdet ist, wenn diejenigen, die für den Erhalt und Schutz eben dieser Demokratie stehen sollen, selbst gar keine Demokraten sind. Dabei wird auch klar, wie fragil die gegenwärtige Geistesfreiheit hierzulande ist. Denn genau die Ausgrenzung allen Denkens und Lebens außerhalb angeblicher Normen, die für Bauer zur Gefahr wurde, gibt derzeit vielerorts Ort im Land den stammtisch-dumpfen Ton an.

Lars Kraume und Team bieten Unterhaltung, kein Lehrstück. Handfestes Kino ist angesagt, voller Krimispannung und starken Emotionen. Kameramann Jens Harant und Schnittmeisterin Barbara Gies unterstützen das mit einer faszinierenden visuellen Gestaltung. Viele Bilder spiegeln das dumpfe Klima in weiten Kreisen des Wirtschaftswunderlandes scharf konturiert. Dabei wurde aus der Not eine Tugend gemacht: Da es aus Kostengründen nicht möglich war, etwa Straßenszenen in großen Totalen zu drehen, musste die Atmosphäre jener Zeit in kleinen Bildausschnitten festgehalten werden. Das ist exzellent gelungen, wobei die Musik, geprägt von verhaltenen Jazzrhythmen, die Wirkung ebenfalls entscheidend mitbestimmt. In seiner formalen Gestaltung erinnert der Film an Meisterwerke des deutschen Kinos der letzten Jahrzehnte, zum Beispiel an Rainer Werner Fassbinders „Die Sehnsucht der Veronika Voss“ (1982). Manchmal meint man den Mief jener Jahre regelrecht riechen zu können.

Sämtliche Schauspieler, selbst in kleinsten Rollen, begeistern. Kraume hat sie zu einer überzeugenden Ensembleleistung gebracht. Angeführt wird das Ensemble von Burghart Klaußner in der Titelrolle. Ihm gelingt es, Bauer nicht zum Denkmal erstarren zu lassen. Er zeigt keinen unangreifbaren Helden, sondern einen Mann, dessen dauerndes Chefgehabe auch nervt, der in seiner Einsamkeit gelegentlich larmoyant anmutet, dessen Mut aber das Entscheidende ist. Neben Klausner fesselt insbesondere Ronald Zehrfeld in der Rolle eines jungen Staatsanwalts, der dem Alten beistehen möchte und sich dabei in den Zwängen der Zeit verheddert. Regisseur Lars Kraume tat gut daran, in hohem Maß auf die Wirkung seiner Akteure zu setzen. Klaußner und Zehrfeld haben Figuren geschaffen, mit denen sich wohl jeder Zuschauer leichten Herzens identifiziert. Was einem beim Nachdenken über den Film sehr schnell zu schweren Fragen bringt. Etwa zu dieser: Wie ist’s, bitte, hier und heut um die Freiheit des Denkens bestellt?

Genau das macht den Film wichtig und groß: der Blick zurück gilt der Gegenwart. Kraume & Co. unternehmen ihn mit spürbarer Sorge. Damit erweisen sie sich als wirkliche Künstler. Die wollen mit ihren Werken immer dazu beitragen dass die Welt etwas besser wird, und sei’s nur ein Hauch. Besser dadurch, dass sie das Denken des Publikums ankurbeln. Der Film macht genau das, und er macht’s sehr intelligent, sehr sensibel, absolut wirkungsstark.

Peter Claus

Bilder: Alamode

Der Staat gegen Fritz Bauer, von Lars Kraume       (Deutschland 2015)

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