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Viele Kritiker sind sich einig: bei der nächsten „Oscar“-Verleihung sollte es einige Auszeichnungen regnen. In Cannes, wo das Drama bei den letzten Internationalen Filmfestspielen uraufgeführt wurde, gab’s eine Auszeichnung für eine der zwei Hauptdarstellerinnen (Rooney Mara) und den LGBT-Filmpreis Queer Palm.

Interessant ist schon die Geschichte des dem Film zugrunde liegenden Romans: Patricia Highsmith veröffentlichte ihn 1952 mit dem Titel „The Price of Salt“ („Salz und sein Preis“) unter dem Pseudonym Claire Morgan. Erst Mitte der 1980er Jahre enthüllte Highsmith ihre Autorenschaft öffentlich und brachte den Roman 1990 unter dem Titel „Carol“ in einer leicht überarbeiteten Fassung neu heraus. In den 1950er Jahren war das Buch ein außerordentliches Wagnis gewesen. In den USA etwa wurden damals homosexuelle Männer wegen ihrer sexuellen Orientierung aus dem öffentlichen Dienst entlassen. Menschen, die Menschen ihres eigenen Geschlechts liebten, galten als pervers und mussten mit Verfolgung rechnen. Dennoch – oder gerade deshalb? – soll dem Buch damals ein großer Verkaufserfolg beschieden gewesen sein. Literaturhistorisch ist interessant, dass dieser Roman als einziger von Patricia Highsmith dem Glück ein Recht einräumt, erotisches Begehren fern dunkler Abgründe zu feiern, davon erzählt, dass Liebe Erfüllung finden kann.

Aber ist die Story noch aktuell? Und wie! Wer fern von Gutmenschen-Gelaber durchs Leben – auch in Deutschland – geht, weiß, dass gleichgeschlechtliche Liebe, wie sehr die Gesetzeslage in den letzten Jahrzehnten auch eine positive Entwicklung genommen hat, nach wie vor von einem Großteil der Bevölkerung mindestens mit Argwohn, wenn nicht gar Abscheu wahrgenommen wird.

Die Story hat nichts an Aktualität verloren. Sie beginnt Ende 1952 in New York City. Die Ehe des vermögenden Paares Harge (Kyle Chandler) und Carol Aird (Cate Blanchett) ist am Scheitern. Er, Harge, kämpft, vor allem auch wegen der gemeinsamen Tochter. Und er ist kein böser Mensch. Sie, Carol, ist es ebenso wenig. Doch sie kann nicht anders, sie muss raus aus dem Käfig, in dem sie sich eingeschlossen fühlt. Als sie in einem Kaufhaus der Verkäuferin Therese Belivet (Rooney Mara) begegnet lodern ihre Gefühle auf. Eine Freundschaft beginnt. Und aus der Freundschaft wird schnell mehr. Was Harge mit Wut und Schmerz registriert. Er beginnt zu kämpfen. Dieser Kampf um seine Liebe wird zu einer Schlacht um das Sorgerecht für die Tochter.

Das Spannende an der Geschichte: Carol, die Hauptfigur, ist kein scheues Reh. Sie ist eine Frau, die ihre sexuelle Lust ausleben möchte. Dazu gehört auch, dass sie die unerfahrene (und jüngere) Therese unbedingt „haben“ will. Was der elegant ausgestattete und inszenierte Film durchaus lustvoll zeigt. Ihre „Jagd“ auf die begehrte Frau ist ein einziger Reigen erotischer Wallungen, sexuellen Verlangens, brodelnder Gefühle. Wobei nichts davon platt vorgeführt wird. Blicke, Gesten, Worte sagen alles. Und wenn es dann, lange nach Filmbeginn, zum körperlichen Miteinander kommt, wird das durchaus deutlich, bleibt es aber bei einer überaus subtilen Darstellung. Nichts da mit Sensationsgier. Der Film ist stilistisch makellos. Und wenn dann der Kampf ums Kind ins Zentrum rückt bleibt er es. Haynes’ Inszenierung umschifft jede Klippe drohenden Kitsches mit Bravour.

Cate Blanchett und Rooney Mara agieren entsprechend dem Regiestil eher verhalten. Beide Schauspielerinnen verfügen über die Gabe, die Zuschauer dahingehend zu verführen, dass sie meinen, in den Gesichtern alles ablesen zu können. Kein Wunder, dass Kameramann Ed Lachman stark auf Großaufnahmen setzt. Bemerkenswert auch: Kyle Chandler als Harge. Ihm gelingt es deutlich zu machen, dass der Mann seine Frau wirklich liebt, und, entsprechend seiner Zeit, weder begreifen noch akzeptieren kann, dass sie homosexuell ist und dies einfach nur ausleben will.

Patricia Highsmith fragte 1952, welchen Preis Aufrichtigkeit hat, ob ein Leben überhaupt möglich ist, wenn es einem verwehrt wird, gemäß den eigenen Gefühlen und Empfindungen zu leben. Womit wir wieder bei der Aktualität sind. Haynes umkreist das mit Highsmith’ Fragen vorgegebene Zentrum der Story mit einer klassischen Kino-Erzählung, die von Rückblenden dominiert wird. Da wird es auch sehr aufwühlend, etwa dann, wenn Carol ihre Liebe zu Therese verleugnet und sich einer Psychotherapie unterzieht. In einer Schlüsselszene beantwortet sie dann geradezu unverblümt die von Patricia Highsmith gestellten Fragen. Cate Blanchett läuft zu Hochform auf. Und der Film bekommt eine Intensität, der sich wohl niemand im Kinosaal entziehen kann. Und er macht endgültig klar, dass es hier nicht um die Ausschlachtung einer lesbischen Lovestory geht, sondern um eine Auseinandersetzung darum, wie fragil die Werte der – sich gern als frei bezeichnenden – westlichen Welt sind.

Peter Claus

Bilder: pathé films

Carol, von Todd Haynes (Großbritannien / USA 2015)

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