Brooklyn (Regie: John Crowley)

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© Twentieth Century Fox

 

2008 war die irische Schauspielerin Saoirse Ronan für den „Oscar“ als Beste Nebendarstellerin in „Abbitte“ nominiert. Tilda Swinton hat die Trophäe bekommen, für ihr Spiel in „Michael Clayton“. Jetzt ist Saoirse Ronan als beste Hauptdarstellerin nominiert. Und es könnte klappen, trotz der straken Konkurrenz mit etwa Alicia Vikander („The Danish Girl“) und Kate Winslet („Steve Jobs“). Insgesamt sind es drei Nominierungen, die das Drama einheimsen konnte: neben der für die Beste Hauptdarstellerin gab’s auch die für den Besten Film und für das Beste adaptierte Drehbuch. Verdient wär’s in allen drei Fällen.

Erzählt wird die Geschichte der Selbstfindung der Irin Eilis Anfang der 1950er Jahre. Die junge Frau (Saoirse Ronan) emigriert nach New York. Und der Neustart gelingt. Im Stadtteil Brooklyn findet sie Arbeit und eine Bleibe in der Pension der herzensguten Miss Kehle (Julie Walters). Privat lässt es sich ebenfalls gut an. Denn Tony (Emory Cohen), ein US-Amerikaner mit italienischen Wurzeln, wirbt vehement um die zurückhaltende Schönheit. Doch das Heimweh und die Sehnsucht nach der Familie machen der jungen Frau zunehmend zu schaffen. Von Unbeschwertheit, gar Glück, kann nicht die Rede sein. Als Eilis wegen eines Todesfalls nach Irland reisen muss, will Tony unbedingt vor ihrer Abfahrt heiraten. Er möchte Sicherheit. Und Eilis? Sie merkt daheim, dass sie sich selbst sehr verändert hat und jetzt Ansprüche an das Leben stellt, die sich in Irland nicht erfüllen lassen. Verzweiflung kommt auf. Freund Jim (Domhnall Gleeson) erweist sich als feinfühliger Gesprächspartner. Daraus wird mehr. Als Eilis merkt, dass sie eine große Zuneigung zu ihm gefasst hat, weiß sie kaum mehr ein noch aus. Was soll sie tun?

Der TV-erfahrene Regisseur John Crowley debütierte 2003 mit dem Dublin-Drama „Intermission“. Das kam in Deutschland leider nur ins Fernsehen. Mit seinem neuen Film zeigt er wieder, wie klug er Literatur adaptieren kann. Der Ton der Erzählung, geprägt von Melancholie, schlägt nie in Sentimentalität um. Erfolgsautor Nick Hornby („About a Boy“) hat ein wirklich wunderbares Drehbuch nach der Vorlage von Colm Tóibíns Buch verfasst. Jeder Dialog klingt echt. Kleine, feine Beobachtungen stechen hervor. So die, wie schwer es Eilis fällt, als Verkäuferin die in den USA typische oberflächliche Freundlichkeit zur Schau zu tragen. Fremd-Sein wird hier nicht aufgeregt oder gar mit Schockmomenten bebildert, sondern im Kleinen gespiegelt. Da sagen Momente des Schweigens ungeheuer viel.

Hauptdarstellerin Saoirse Ronan, gerade mal 21 Jahre jung, wurde 2007 als kindlicher Teenager Briony in „Abbitte“ bekannt. Sie beherrscht den Film. In ihren ausdrucksstarken blauen Augen lässt sie die inneren Kämpfe von Eilis erahnen. Oft wirkt es so, als schaue sie in das Innere, um dort Erlösung zu finden. Mit Fortschreiten der Handlung aber wird das Traurige hinweggefegt, zeigt sich eine bodenständige Kraft. Besonders da ist die Allgemeingültigkeit der Geschichte zu spüren. Eilis Ringen um sich selbst kennen Millionen. Die Aktualität des Themas Emigration muss nicht betont werden. Der Film tut das gottlob auch nicht. Man spürt von ganz allein, dass Saoirse Ronans Elis eine von denen ist, wie sie heute zu Hunderttausenden nach einem neuen Lebensglück suchen müssen.

Peter Claus

Brooklyn, von John Crowley  (USA / Großbritannien / Kanada 2015)

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