Spotlight (Regie: Tom McCarthy)

Im Vorfeld der diesjährigen „Oscar“-Verleihung wurde dem Drama von Regisseur Tom McCarthy grad mal eine Außenseiterposition zugebilligt. Doch dann gab’s die Auszeichnung in der Kategorie „Bester Film“.

Das formal konventionelle Drama schildert die Erfolge aufrechter Journalisten im Kampf um Wahrheit und Gerechtigkeit. Die Geschichte beruht auf Tatsachen: Journalisten der liberalen Tageszeitung „The Boston Globe“ recherchieren 2001 Fälle von Kindesmissbrauch innerhalb der katholischen Kirche und decken schließlich einen Skandal von riesigem Ausmaß auf. Der Weg zur Wahrheit ist steinig. Viele Opfer und deren Angehörige schweigen aus Angst oder aus Scham, und eine Armada von Anwälten mit sehr viel Geld und äußerst schweren juristischen Geschützen stellt sich den Reportern in den Weg. Doch das Recherche-Team mit dem Namen „Spotlight“ unter Chefredakteur Marty Baron (Liev Schreiber) gibt nicht klein bei. Walter „Robby“ Robinson (Michael Keaton), Michael Rezendes (Mark Ruffalo), Sacha Pfeiffer (Rachel McAdams) und Matt Carroll (Brian D’Arcy James) empfinden ihren Beruf nämlich als Berufung. Und je mehr sie sich mit dem Thema befassen, umso stärker fühlen sie sich moralisch verpflichtet.

Natürlich kommt einem rasch Alan J. Pakulas vor exakt 40 Jahren herausgekommene Watergate-Skandal-Chronik „Die Unbestechlichen“ („All the President’s Men“) mit Robert Redford und Dustin Hoffmann in den Sinn. Wie da, so wird auch hier die Möglichkeit der unabhängigen Presse als Vertreter der so genannten „vierten Macht“ im Staate gefeiert. Und es wird eindringlich auf die damit verbundene Verantwortung verwiesen! Journalisten können zu Kontrolleuren im Dickicht der Demokratie werden und damit zu Garanten dafür, dass diese Demokratie gesichert wird. Der Film zeigt, wie notwendig das ist. Denn er zeigt sehr genau, wie viele Möglichkeiten die Mächtigen dieser Welt haben, Untaten zu vertuschen oder auch „nur“ durch Schweigen zu decken.

2003 haben die Journalisten des Boston Globe den Pulitzer-Preis für ihren Beitrag zur Enthüllung des Missbrauchsskandals bekommen. Eine Ermutigung für andere. Der sich nach Erscheinen des Films der Vatikan angeschlossen hat. Im letzten Herbst hat er über Radio Vatikan erklären lassen, der Film sei „ehrlich“ und „dringend“, er könne der katholischen Kirche in den USA helfen, ihre Sünden zuzugeben und die Konsequenzen dafür zu tragen. Stellt sich die Frage: Nur in den USA? Am Ende informiert der Film über Missbrauchsfälle weltweit.

Die Betroffenheit ist groß. Doch das wäre nicht genug für einen guten Film. Er fesselt auch durch seine Gestaltung. Die setzt auf konventionelle Erzählmuster. Was sich bezahlt macht: Ein Zuviel an formalen Spielereien hätte dem Thema vermutlich nur geschadet, die Aufmerksamkeit vom Eigentlichen abgelenkt. Die scheinbar simple, recht geradlinige Dramaturgie voller spannungssteigernder Thriller-Momente funktioniert perfekt. Allem voran sind es natürlich die Akteure, die das Publikum binden. Alle, auch in kleinen Rollen, gestalten vielschichtige Charaktere, Menschen, die eine glaubwürdige Geschichte haben. Klug ist, dass die Zuschauer diese Menschen immer auch in ihren persönlichen Beziehungen erlebt, die sozialen Umfelder erkennen kann, sie obendrein in Momenten beobachten kann, da sie in ihrer Arbeit verzweifeln, weil sie von ihren Gefühlen fast erschlagen werden, sich selbst gar eigene Versäumnisse eingestehen müssen. Nun haben Tom McCarthy und Josh Singer den Schauspielern mit einem klugen Drehbuch, mit Dialogen, die nie papieren oder didaktisch wirken, allerdings auch eine Steilvorlage geschaffen. Die Beiden haben dafür denn auch den „Oscar“ für das beste Originaldrehbuch bekommen. Die beiden hohen Ehrungen bei der Vergabe des wohl nach wie vor publikumswirksamsten Filmpreises sind wohl verdient – und regen hoffentlich zum Kinobesuch an.

Peter Claus

© Paramount Pictures Germany

Spotlight, von Tom McCarthy (USA 2015)

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