Das Tagebuch der Anne Frank (Regie: Hans Steinbichler)

Man merkt es sofort: Drehbuchautor Fred Breinersdorfer, zuletzt: „Elser“, hat sich um einen psychologisch ausgefeilten, heutigen Rezeptionsgewohnheiten angepassten Stil bemüht. Doch alles Mühen fruchtet nicht in Gänze. Zu oft fühlt man sich in einem erstklassig ausgestatteten Kostüm- und Kulissendrama, sieht die Handelnden durchaus mit Interesse und Sympathie, kann Emphase jedoch allein intellektuell aufbauen, nicht vom Herzen her.

Dabei begeistert Hauptdarstellerin Lea van Acken in jedem Moment und hat mit Martina Gedeck, Ulrich Noethen und Margerita Broich exzellente Schauspieler um sich herum. Die Annäherung an das Mädchen, das mit 13 Jahren begann Tagebuch zu schreiben, in dem der Irrsinn der Nazi-Diktatur durch die Einfachheit ihrer Gedankengänge brutal zutage tritt, ist seriös. Das Attribut „gediegen“ kommt einem in den Sinn. Doch deutlich wird vor allem, wie schwierig es heutzutage ist, künstlerisch packend den Terror der mörderischen Hitler-Diktatur zu reflektieren. Interessanterweise gelang das im Vorjahr mit „Der Staat gegen Fritz Bauer“ sehr viel stärker. Vielleicht, weil es da um eine Auseinandersetzung mit den Folgen der Nazi-Zeit in der BRD der 1950er/60er Jahre ging, darum, das man nicht zulassen darf, das Gestern zu verharmlosen oder gar zu vertuschen. Ein aktuelles Thema, das heutzutage wohl jeden aufrechten Zeitgenossen umtreibt. Die Bilder in „Das Tagebuch der Anne Frank“, die man so oder doch so ähnlich schon zu sehen gehabt haben glaubt, blicken allein in das Gestern, wirken abgegriffen und rütteln darum kaum auf. Das wird einem besonders klar, wenn man noch einmal oder, durch den Film angeregt, die Tagebücher zum ersten Mal liest. Die Wirkung des Geschriebenen, das ja im Kopf eine Flut an Assoziationen auslöst, ist ungemein größer als die der Kinobilder. Immerhin: Der Film regt vielleicht viele zum Lesen an. Das wäre nicht wenig.

Leider hat der Film einen Schluss, der vieles an denkbarer Wirkung zerstört: Wir werden Zeugen des danach, der ersten Zeit, nachdem Anne und die anderen durch Verrat von den Nazis gefangen und ins Konzentrationslager geschickt werden. Sicher wollten die Filmemacher damit den Wahn der Nazis anprangern, den Schrecken visualisieren, um deutlich zu zeigen, was vor gerade mal etwas mehr als siebzig Jahren mitten in Europa geschehen ist. Doch das wirkt nur belehrend. Man hat den garantiert nicht gewollten Eindruck, Drehbuch und Regie trauten uns, dem Publikum, nicht zu mitzudenken. Und das bei einem Film, dessen Hauptfigur die berühmte Liedzeile „Die Gedanken sind frei“ wirklich gelebt hat.

Peter Claus

© Zeitsprung Pictures, AVE & Universal Pictures Productions

Das Tagebuch der Anne Frank, von Hans Steinbichler (Deutschland 2016)

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