Sky: Der Himmel in mir (Regie: Fabienne Berthaud)

Im Französischen heißt der Film „Sky“. Gut so. Der deutsche Titel ist völliger Unsinn. Er zielt auf Kitsch. Und genau der wird nicht geboten.

Es geht um eine Frau auf der Suche nach der eigenen Identität. Klingt erst mal nicht sehr originell. Unzählige Spielfilme haben das Thema bereits beleuchtet. Man darf staunen, wenn da Originelles kommt. Viel mehr zum Staunen aber ist in diesem Fall die Leistung von Hauptdarstellerin Diane Kruger.

Diane Kruger spielt Romy, eine verheiratete, nicht mehr ganz junge Frau jenseits aller Sehnsucht nach Glück. Sie hat sich im Gewohnten eingerichtet. Alles Aufbegehren sackt stets schnell in sich selbst zusammen. Die Urlaubsreise mit dem Gatten Richard (Gilles Lellouche) durch die Weite der USA wird routiniert absolviert. Ein kleiner Zwischenstopp hier, ein bisschen Staunen da. Doch hinter dem Schein wohl proportionierter Bürgerlichkeit, der allenfalls gelegentlich kleine Risse zeigt, lauert selbst für Romy Ungeahntes. Das bricht sich bei einem Streit derart heftig Bahn, dass die an sich so gar nicht wilde Mittdreißigerin sogar kurz glaubt, sie wäre zur Mörderin Richards geworden. Doch der brave Mann ist putzmunter. Was sie beinahe noch mehr schockiert als sein vermuteter Tod. Romy hat auf die Pauke und bricht aus. Doch was nun? Wie soll es weitergehen? Welche Lebensbahn kann sie einschlagen?

Bis zum Wendepunkt der Story wirkt Romy nicht sonderlich clever. Da drängt sich die Vermutung auf, dass sie nach einer kurzen Zeit des Ausflippens mit anschließendem Katzenjammer reumütig zu Richard zurückkehren wird. In dieser erfrischend leichtfüßig inszenierten Selbstfindungsgeschichte aber kommt nichts so, wie es Kinofans vermuten. Regisseurin Fabienne Berthaud, die, wie schon bei „Barfuß auf Nacktschnecken“, das Drehbuch gemeinsam mit Pascal Arnold geschrieben hat, überrascht immer wieder mit Unerwartetem. Das übrigens, so viel sei zum Ausgang des Geschehens verraten, bis zur letzten Szene. Nix da mit einem rosagetünchten happy end.

Romy wandelt sich. Sie tourt allein durch den tristen US-Wüstenstaat Nevada bis in die grelle Show-Stadt Las Vegas und dann noch weiter. Dabei entfaltet sie einen Zauber, dem man nur allzu gern erliegt. Sie ist zugleich Kind und Frau, naiv und durchtrieben, klug und unberechenbar. Und sie ist endlich konsequent auf dem Weg zu einem eigenen Lebensstil. In gewisser Weise erscheint sie einem als Tochter von „Thelma und Louise“ aus dem vor 25 Jahren herausgekommenen Emanzipationsdrama von Regisseur Ridley Scott. Doch ein Vierteljahrhundert nach den legendären Heroinen von damals zweifelt sie, anders als die Beiden, nicht eine Sekunde daran, als Frau den Männern ebenbürtig zu sein. Weshalb sie auch sehr viel weniger verbissen auf die Suche nach dem eigenen Ich gehen kann. Thesen werden nicht geboten. Die Geschichte steht kraftvoll für sich.

Autorin und Regisseurin Fabienne Berthaud hat Diane Kruger (nach „Frankie“ und „Barfuß auf Nacktschnecken“) nun zum dritten Mal verpflichtet. Berthaud schwärmt von Kruger als „meine Gena Rowlands“. Diese Etikettierung hat die Schauspielerin nicht nötig, zumal ihre Darstellung viel weniger ausgetüftelt anmutet als die der Muse von Autorenfilmer John Cassavetes, berühmt zum Beispiel durch das 1980 herausgekommene Gangsterepos „Gloria“. Wenn sie etwa ganz unprätentiös zeigt, wie sich Romy in den Ranger Diego (Norman Reedus) verliebt, dabei aber keineswegs den Boden unter den Füßen verliert, ist das von ganz eigener Klasse. Diane Kruger versteht sich auf die Kunst, mit kleinsten mimischen Mitteln und verhaltenen Tönen eine außerordentliche Wirkung zu erzielen. Damit erschließt sie dem Publikum klar die Persönlichkeit der Protagonistin bis hin zu feinsten Nuancen. Bemerkenswert. Diane Krugers Klasse sorgt denn auch dafür, dass selbst gelegentliche Postkartenbilder von Reiz sind. Wenn da etwa schäbige Baracken im Nirgendwo als Hort wahrer Menschlichkeit verklärt werden, ist es Diana Kruger mit ihrer Intensität, die einen alle falsche Romantik vergessen lässt. Zugleich gibt sie einem ein paar Anstöße, vielleicht ab und an etwas mutiger durchs eigene Leben zu gehen, hier oder da einmal deutlicher als bisher das zu verwirklichen, was man selbst für richtig hält und nicht allein den Anweisungen anderer zu folgen. Es ist das leise auftretende Selbstbewusstsein der Figur (und der Schauspielerin), das überzeugt.

Für Diane Kruger hat sich übrigens ein Wunsch erfüllt: Fatih Akin dreht mit ihr. Für beide – und fürs Publikum – ist zu hoffen, dass sie dabei ihre Stärken wieder voll ausspielen kann.

Peter Claus

© Alamode Film

Sky: Der Himmel in mir, von Fabienne Berthaud (Frankreich/ Deutschland 2015)

 

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