Das Talent des Genesis Potini (Regie: James Napier Robertson)

Kitsch oder Kunst? Über diesen Spielfilm lässt sich gut streiten. Denn tatsächlich wabert da viel Sentimentalität. Andererseits beeindruckt Cliff Curtis in der Hauptrolle mit einem verblüffend intensiven Spiel, dem man sich kaum entziehen kann.

„Based on a true story“. Aha. Das ist natürlich kein Beleg dafür, dass ein Spielfilm gelungen ist. Und es sagt auch nichts darüber aus, wie viel von der Wahrheit für eine mögliche Kinowirkung verändert worden ist. Deutlich ist rasch: Regisseur James Napier Robertson will Wirkung. Er möchte das Publikum emotional einfangen. Da schluchzt die Musik, wird gern auf die Tränendrüsen gedrückt, bleibt die Erzählung schön überschaubar. Dennoch gibt man sich selbst als kritischer Zuschauer dem Geschehen gern hin. Denn Hauptdarsteller Cliff Curtis hat eine wahrlich ungeheure Präsenz.

Cliff Curtis verkörpert einen Mann am Abgrund. Einen, der das weiß. Und der sich selbst aus Krankheit und Verzweiflung retten möchte. Das versucht er, indem er anderen hilft. Dieser Mann ist der in 2011 mit nicht mal 50 Jahren verstorbene Maori Genesis Potini. Er galt und gilt als Schachgenie. Bekannt wurde er in Neuseeland, weil er in den 1980er und 90er Jahren versucht hat, unterprivilegierte Jugendlichen als Schachlehrer einen Lebenssinn zu geben. Sein Problem: Genesis Potini litt unter einer bipolaren Störung, war also manisch-depressiv. Die Arbeit für andere galt immer auch ihm selbst.

Zunächst sehen wir Genesis Potini als verwirrt und fast verwahrlost anmutenden Kerl. Er streunt durch Straßen, deren Lärm und Geschäftigkeit er, wie auch den Regen, kaum wahrzunehmen scheint. Ruhe findet er in einem Laden. Dort übt ein Schachfeld voller Figuren eine scheinbar magische Anziehung auf ihn aus. Genesis Potini erfasst ohne Zögern die Aufstellung und beendet das Spiel gleichsam im Handumdrehen. Doch das Glück ist nicht von Dauer. Mit Unterstützung der Polizei wird der einsame Schachspieler in die Psychiatrie verfrachtet. Lang aber bleibt er nicht in medizinischer Obhut. Sein Bruder Ariki (Wayne Hapi) wird verpflichtet, sich um den Kranken zu kümmern. Was dem Mann, Anführer einer harten Biker-Gang und allein erziehender Vater eines Jugendlichen, alles andere als leicht fällt. Doch er stellt sich der Aufgabe. Familienbande sind nun einmal verpflichtend. Von Sorgfalt allerdings kann nicht die Rede sein. Rau geht’s zu, pragmatisch, mehr von Testosteron denn Geist gesteuert. Genesis spürt, dass er im verwahrlosten Männerhaushalt, in dem vor allem der Konsum von Alkohol das Dasein bestimmt, kaum auf eine Besserung seiner Situation hoffen kann. Er bringt die Energie auf, sich an einen Freund zu wenden, einen Sozialarbeiter, der Kinder und Jugendliche betreut. Gemeinsam mit diesem Dave, den Regisseur James Napier Robertson verkörpert, baut er einen Schachklub auf und hat bald hochfliegende Pläne: Genesis will mit seinen Schützlingen nach Auckland, er will dort mit seinen Kids die Juniorenmeisterschaft gewinnen. Rückblenden in die Kindheit von Genesis und Ariki verdeutlichen durchaus geschickt, wie persönliche Schicksale durch das Lebensumfeld beeinflusst werden, wie die indigene Bevölkerung in Neuseeland allein wegen Herkunft und Kultur benachteiligt wird.

Der Originaltitel des Films ist „The Dark Horse“. Damit wird auf die entsprechende Schachfigur angespielt und auf Genesis‘ Krankheit. Das ist etwas zu simpel. Wie, leider, auch meist die Zeichnung der Figuren und des Handlungsablaufs. Vor allem, wenn es darum geht, den Alltag der Maori zu reflektieren, mutet der Film zu konstruiert an. Dennoch ist er sehenswert. Denn Cliff Curtis gelingt ein packendes Charakterbild. Fast sieht’s so aus, als wollte der Schauspieler mit der Rolle auch die eigene Würde festigen. Denn nach den weltweiten Erfolgen in den Spielfilmen „Die letzte Kriegern“ (1994) und „Whale Rider“ (2002) hatte er sich, selbst ein Maori, nach Hollywood begeben. Mehr als Nebenrollen aber gab’s für ihn nicht. Hier nun zeigt er, welches Potential er hat, dass er sehr wohl einen ganzen Film schultern kann, so gut, dass man als Zuschauer gern über die Schwächen der Erzählung und der Inszenierung hinweg sieht.

Peter Claus

Bilder: © Koch Films

Das Talent des Genesis Potini, von James Napier Robertson (Neuseeland 2014)

 

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