Frantz (Regie: François Ozon)

Dieser Film gehört der jetzt 21-jährigen deutschen Schauspielerin Paula Beer. Ihr Charisma gibt dem Drama eine besondere Intensität. Für den französischen Regisseur François Ozon („8 Frauen“, „Das Schmuckstück“) ein Glücksgriff, sie für die Hauptrolle zu wählen.

Aufgefallen war Paula Beer erstmals als 14-Jährige. Damals, vor sechs, sieben Jahren verblüffte sie mit einer geradezu somnambul anmutenden Präsenz in Chris Kraus‘ „Poll“. Schon dort ist sichtbar, dass Paula Beer von der Natur ein kostbares Geschenk erhalten hat: Die Kamera enthüllt, was dem bloßen Auge entgeht, nämlich die magische Aura einer Persönlichkeit, die selbst in Momenten herzlichen Lachens ein Hauch Melancholie umgibt und die noch in tiefem Leid kraftvoll anmutet. Da gab’s denn von eilfertigen Journalisten das wohlfeile Etikett „Neue Romy Schneider“. Quatsch! Paula Beer ist eine hoch begabte junge Schauspielerin mit ganz eigener, auch eigensinniger, Ausstrahlung. Man wünscht ihr, dass sie weiterhin so lohnenswerte Aufgaben erhält wie jetzt in dieser französisch-deutschen Ko-Produktion.

Anna, heißt die junge Frau, die Paula Beer verkörpert. Anna trauert. Es ist das Jahr 1919. Sie trauert um ihren Verlobten Frantz. Der Student aus gutem Hause ist im Ersten Weltkrieg gefallen. Wo seine Leiche liegt, weiß niemand genau. Das Grab in der kleinen Stadt Quedlinburg am Rande des Harzes ist leer. Täglich legt Anna Blumen auf dem Friedhof, denkt an ihn in stiller Versunkenheit. Sie bleibt nicht allein. Ein Franzose taucht auf, Adrien (Pierre Niney). Auch er bringt Blumen mit, trauert offenkundig, ja, wirkt geradezu verstört in seinem Schmerz. Zunächst flieht er vor Anna. Doch sie begegnen sich wieder. Denn Adrien sucht Kontakt zum Ehepaar Hoffmeister, den Eltern von Frantz (Marie Gruber und Ernst Stötzner), bei denen Anna lebt. Während die Mutter begierig darauf ist, von dem Fremden, wohl ein Studienfreund des verlorenen Sohnes aus Pariser Tagen vor dem großen Brand, Informationen, Geschichten, Erinnerungen zu erheischen, lehnt der Vater, ein Arzt, zunächst jeden Kontakt ab. Adrien ist für ihn der personifizierte Feind. Doch seine Gattin und Anna laden Adrien ins Haus ein. Er spricht ein wenig Deutsch, Anna sehr gut Französisch. Zwischen den Beiden keimt eine zarte Verliebtheit auf. Darf das sein? Ozon belässt es nicht dabei, der Frage allein über das Persönliche nachzugehen. Unaufdringlich, wie nebenbei, spiegelt er auch das schwierige Verhältnis zwischen Deutschlands und Frankreichs nach dem Krieg – und damit das grundsätzlich fragile Miteinander von verschiedenen Staaten und Kulturen. Was beim Publikum natürlich auch ein Nachdenken über gegenwärtige Probleme auslösen kann. Wobei jegliche Agitation ausbleibt. Die Assoziationen ergeben sich im Banne der erzählten Geschichte ganz von allein. Der Blick zurück gilt der Gegenwart.

Genau wie Anna, so möchte man als Zuschauer mehr über das Verhältnis von Frantz und Adrien erfahren. Und man möchte, dass die attraktive junge Frau, die so zerbrechlich und verloren anmutet, eine neue Liebe findet. Doch je weiter die Erzählung voranschreitet, umso deutlicher wird: Der Wille zum Miteinander allein reicht nicht, um Menschen aus verschiedenen Welten zueinander zu bringen. Harmlose und gewichtige Lügen nahezu aller Beteiligten liegen dem persönlichen Glück im Wege. Aber haben diese Lügen nicht auch eine heilende Wirkung? Kann es nicht manchmal sogar besser sein, der Wahrheit auszuweichen, als sie vor sich her zu tragen? Ozons Film lässt keine schnellen Schlussfolgerungen zu. Das macht ihn spannend und anregend. Man hat lange nach dem Kinobesuch Stoff zum Grübeln.

Am Ende des Films sieht Anna, nicht zum ersten Mal, das im Pariser Louvre hängende Gemälde „Der Selbstmörder“, 1881 gemalt von Édouard Manet. Bei Ozon steht es gleichermaßen für den möglichen Untergang der Zivilisation wie für deren Möglichkeit, sich immer wieder zu erneuern. Dazu, Ozon sagt’s klar, und wird denn ganz am Ende ein wenig pathetisch und akademisch, braucht’s nicht allein den Verstand. Es braucht immer auch reine Herzen. Was Ozon, bei aller Kunstfertigkeit immer fern von Kitsch, nicht mit Naivität verwechselt. So deutlich das Schlusstableau auch mit Hoffnung aufgeladen ist, so sehr bleibt klar, dass Ozon mit dem Wissen der Gegenwart erzählt, alle Pein, alle Schrecken, die noch vor Anna – und der Menschheit – liegen, bedenkend. Er erweckt keine falsche Hoffnung. Aber er macht Mut.

Die Dialoge und die Story an sich sind ausgeklügelt und mehrschichtig, kunstvoll passt, kunstgewerblich wird’s nie. Das trifft auch auf die visuelle Gestaltung. Sie wird geprägt von mehrfachen Wechseln zwischen Farb- und Schwarz-Weiß-Sequenzen. Das A und O des auf deutsch und französisch gedrehten Films aber sind die durchweg exzellenten schauspielerischen Leistungen. Oft haben die Akteure nur kurze Momente, um ganze Lebenslinien auszuleuchten. Das gelingt allen grandios. Hervorgehoben sei Johann von Bülow als erzkonservativer Stammtischbruder, der es Dr. Hoffmeister übel nimmt, dass der auch nur ein Wort mit einem Franzosen wechselt. Die Figur hätte leicht zur Karikatur eines Nazivorläufers geraten können. Doch so wie alle anderen, spielt auch von Bülow nuanciert, belässt dem Mann Charakter und Würde, was seine Tiraden wider den Fremden und das Fremde nur umso gefährlicher erscheinen lässt. Das Böse braucht keine Kraftauftritte.

Paula Beer aber überstrahlt alle. Wenn die von ihr verkörperte Anna am Ende schließlich einige gewichtige Entscheidungen treffen muss, und Paula Beer in den entsprechenden Szenen allein mit ihrer Körpersprache und der Mimik das endgültige Erwachsenwerden der Frau miterlebbar werden lässt, weist sie das als Charakterdarstellerin von Format aus. A Star is born! Man darf das Klischee gebrauchen. Zumal: Bei der vor knapp drei Wochen zu Ende gegangenen 73. Mostra Internazionale d’Arte Cinematografica in Venedig erhielt Paula Beer den Marcello-Mastroianni-Preis als beste Nachwuchsschauspielerin. Regisseure und Produzenten aus aller Welt dürften Schlange stehen. Zu recht.

Peter Claus

Bild: Paula Beer in Frantz von François Ozon | © X-Verleih

Frantz, von François Ozon (Frankreich / Deutschland 2016)

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