Marie Curie (Regie: Marie Noëlle)

Marie Curie (1867 bis 1934) muss eine außergewöhnliche Frau gewesen sein, privat und beruflich. Selbstbestimmtheit ist wohl das entscheidende Stichwort in Bezug auf ihre Persönlichkeit. Darauf fokussiert dieser Spielfilm denn auch vor allem.

Autorin und Regisseurin ist Marie Noëlle. Sie darf man wohl als Multitalent beschreiben: Schriftstellerin, Cutterin, Regisseurin, Produzentin. Bekannt wurde die studierte Mathematikerin mit spanischen und französischen Wurzeln vor allem als Co-Autorin und Co-Regisseurin zahlreicher erfolgreicher Spielfilme in Zusammenarbeit mit ihrem 2013 verstorbenen Mann Peter Sehr („Das serbische Mädchen“, „Kaspar Hauser“ und „Ludwig II.“). „Marie Curie“ ist ihr erster allein geschriebener und inszenierter Kino-Spielfilm nach dem Tod von Peter Sehr. Ihr Zugang ist ein persönlicher. Schon als Kind hat sie, wie sie in Interviews gern erzählt, Marie Curie bewundert. Die Wissenschaftlerin, die zwei Mal mit einem Nobelpreis ausgezeichnet worden ist, 1903 für Physik und 1911 für Chemie, ist ohne Zweifel eine Heldin für Marie Noëlle. Auch sie kämpft für Selbstbestimmung, für gleiche Chancen von Mann und Frau. So engagiert sie sich sehr in „ProQuote-Regie“, dem für mehr Gleichberechtigung im Filmgeschäft kämpfenden Zusammenschluss von Regisseurinnen in Deutschland. Noëlle ist heute, was Curie einst war: eine Kämpferin für die Rechte der Frauen in ihrer Zeit.

Der Film beleuchtet kraftvoll, welche Behinderungen Marie Curie (Karolina Gruszka) insbesondere nach dem Unfalltod ihres Gatten Pierre (Charles Berlin), mit dem sie 1903 den Nobelpreis für Physik erhalten hat, durch patriarchalische Strukturen erfahren musste. Da spielt denn auch die Liebe eine Rolle: Als Marie Curie den Nobelpreis für Chemie zugesprochen bekommt, versuchen zahlreiche einflussreiche Männer, die ihr bereits den Zugang zur Akademie der Wissenschaften verweigern, dies, wenn sie es schon nicht verhindern können, zu behindern. Als Anlass nehmen sie eine Affäre Maries mit ihrem verheirateten Kollegen Paul Langevin (Arieh Worthalter), einem alles andere als treuen Ehemann. Ihm werden keine Vorhaltungen gemacht, sie jedoch wird regelrecht zur Hure gestempelt. Das geht aus Briefen, Tagebuchnotizen, Zeitungsartikeln von und über Marie Curie hervor.

Die waren auch eine wichtige Quelle für das Drehbuch, das Marie Noëlle gemeinsam mit Andrea Still („Familienfest“) geschrieben hat. Die Regisseurin pocht darauf, dass alles, was im Film vorkommt, in der Realität stattgefunden hat, dass alles belegbar sei. Und es zeigt sich mal wieder: die Wahrheit des Lebens ist kein Garant für die Wahrhaftigkeit von Kunst. Einige Szenen wirken zu agitatorisch und darum vordergründig. Da kommen im Zuschauerraum kaum Emotionen auf. Kameramann Michal Englert hat mit seiner Arbeit gegengesteuert. Seine Bilder sind durchweg stimmungsreich, atmen oft auch eine schöne Sinnlichkeit. Das erreicht Englert insbesondere durch eine ausgefeilte Lichtgestaltung. Lange gab es keinen deutschen Spielfilm in den Kinos, der so klug und raffiniert ausgeleuchtet ist. Wobei vor allem auf Leuchtkraft gesetzt wird. Selbst über den dunklen Momenten der Erzählung liegt eine besonderes Helligkeit. Englert (und natürlich Noëlle als Regisseurin) hat es sich sogar erlaubt, die Hauptfigur mit der Kamera zu entblößen, ihren nackten Körper geradezu akribisch zu erkunden. Weil das stilvoll geschieht und fern voyeuristischer Aufdringlichkeit, meint man dabei als Zuschauer, man komme Marie Curie extrem nah. Wozu auch die zugleich von Anmut und Stärke geprägte Erscheinung der Hauptdarstellerin beiträgt. Karoline Gruszka, die in ihrer Heimat Polen durch zahlreiche Kino- und Fernsehauftritte bekannte Schauspielerin, stellt Marie Curie nie auf einen Sockel. Sie vermeidet alles Entrückte und gestaltet einen facettenreichen Charakter; eine Frau, die auch manche Schwäche, wie etwa Starrsinn und Eitelkeit, hat. Daraus ergeben sich einige großartige Momente. Und es ist gelungen, etwas für wissenschaftliche Laien doch oft recht Langweiliges wie eine Vorlesung durch die Blickwinkel der Kamera und die Tonmontage mit ziemlicher Spannung aufzuheizen.

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Packend ist es auch, wenn die emotionalen Dissonanzen im Leben Marie Curies fern von Kitsch klar werden. Ewa ihre Empfindungen nach dem Unfalltod des geliebten Gatten. Schön, dass zu Gunsten solcher Momente auf ein geradliniges Abhandeln biografischer Stationen verzichtet wird. Schade nur, dass die immer wieder eingestreuten agitatorischen Momente den Zuschauer auf Distanz halten, ganz extrem am Schluss, wenn die Protagonistin im heutigen Paris zu sehen ist. Marie Noëlle schwingt da den Holzhammer zu sehr. Man fühlt sich belehrt. Was im Kino eher belästigt denn bereichert.

Peter Claus

Bilder: © NFP / Filmwelt

Marie Curie, von Marie Noëlle (Deutschland / Frankreich / Polen 2016)

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