Marija (Regie: Michael Koch)

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Auf den Filmfestivals in Locarno und in Toronto wurde dieses in Deutschland vom Schweizer Autor-Regisseur Michael Koch realisierte Spielfilm-Debüt gefeiert. Dem kann man sich nur vorbehaltlos anschließen – und das ohne Augen-zu-Drücken, weil es ein Debüt, also ein Film von einem vermeintlichen Anfänger, ist. Nein, Michael Koch hat keine Samthandschuhe seitens der Kritik nötig. Er erzählt stark, formal überzeugend und originell.

Die Geschichte beleuchtet das Schicksal einer Ukrainerin, Marija, die in Deutschland, in Dortmund, Fuß fassen möchte. Sie ist keine bedauernswerte Frau am Rande, da lässt sie sich nicht hindrängen, sie ist eine, die ihre Ellbogen gebraucht. Sie will um jeden Preis nach oben – und bricht auch mal ein Gesetz. Wir lernen sie kennen, als sie, angestellt als Zimmermädchen in einem Hotel, lange Finger macht und ein paar Ohrringe klaut. Was nicht gut geht. Der Rauswurf ist kurz und schmerzlos. Doch Marija gibt nicht auf. Man ist gespannt, ob sie’s schafft, sich von unten nach oben durchzuboxen, ihren Traum vom eigenen Frisiersalon zu verwirklichen.

Klar: eine starke Geschichte allein macht noch keinen guten Film. Aber weitere Qualitäten sind bemerkenswert. Zunächst erst mal die Erzählhaltung: Uns wird keine klassische Opfer-Story aufgetischt, keine Heldin vorgeführt, die wir sofort ins Herz schließen. Im Gegenteil: Marija bleibt einem suspekt, ja, unsympathisch. Weil sie so auf die Gesellschaft reagiert, wie sie sie erlebt: herzlos. Wobei sie da nicht immer im Recht ist. Sie biegt sich die Wirklichkeit nämlich gern auch mal so hin, wie sie sie braucht.

Trotzdem bleiben wir dran, was zum Beispiel mit der exzellenten Kameraführung zu tun hat. Wir sind immer ganz dicht an der Protagonistin, können so fast mitfühlen, was sie bedrängt, was sie treibt.

Klug ist auch der Umgang mit Sprache: Die Dialoge sind sehr knapp und pointiert, nichts klingt papieren. Und es wird kein Schuldeutsch gesprochen – deutsch, russisch, türkisch, österreichisch sind vermischt, im Original zu hören, die Fremdsprachen deutsch untertitelt. Das wirkt sehr authentisch

Hauptdarstellerin Margerita Breitkreuz agiert als spiele sie sich selbst. Bekannt wurde sie durch ihre Arbeit an der Volksbühne Berlin, also am Theater. Im Film zeigt sie nichts von der ausgestellten Artistik, die an der Volksbühne gepflegt wird, keinerlei Effekthascherei. Sie agiert sehr konzentriert, da ist immer auch Anspannung in der Körperhaltung, die die seelische Anspannung spiegelt. Auch das sorgt natürlich dafür, dass man als Zuschauer dranbleibt.

Fazit: ein Spielfilm, der die Wirklichkeit mit künstlerisch ausgefeilten Mitteln so nah kommt, wie dieser, hat Seltenheitswert. Michael Koch offeriert keine am Computer ausgedachte Show, keinen Firlefanz, sondern einen Film, der einen wirklich zum Nachdenken über die Wirklichkeit anregen kann. Das findet sich in solcher Qualität viel zu selten im Kino.

Peter Claus

Bilder: Pandora

Marija, von Michael Koch (Schweiz / Deutschland 2016)

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