Lux – Krieger des Lichts (Regie: Daniel Wild)

Ein Superheld made in Germany? Die Vorstellung lässt einen doch wohl eher schmunzeln. Aber: Daniel Wilds zeigt in seinem ersten abendfüllenden Spielfilm, dass die Idee viel weniger abwegig ist als man zunächst vermutet.

Drehbuchautor und Regisseur Daniel Wild versucht nicht, die Hollywood-Helden mit ihrem Firlefanz zu kopieren, erfreulicherweise auch nicht, sie zu karikieren. Die Idee, dass sich ein Mann in eine Phantasie-Figur verwandeln kann, nimmt er ernst. Was die erste Stärke seines Spielfilms ist. Es kommen weitere hinzu. Da ist auch die klug konstruierte Story zu nennen: Torsten (Franz Rogowski) schlüpft gern ins Superhero-Outfit. Streift er damit durch das winterlich-abweisende Berlin, fühlt er sich als “Lux”. Und wie es sich für einen Supermann gehört, tut er Gutes: Torsten, der Hilfsarbeiter, Ende 20, verteilt nachts Pakete an Bedürftige. Was seine todkranke Mutter Luise (Eva Weißenborn) gut findet. Und nicht nur sie. Eine Filmcrew ist auf “Lux” aufmerksam geworden und dreht eine Doku über ihn. Womit die Probleme beginnen. Denn das Geld für den Film kommt von Produzent Rüdiger (Heiko Pinkowski), einem Profitjäger übelster Sorte. Der will Sex and Crime. Um dass zu kriegen, ist ihm jedes Mittel recht. Was nicht nur die Jungfilmer in Bedrängnis bringt. Vor allem Torstens Lebensbahn wird gestört. Der Medienhype droht den Helden klein zu kriegen.

Entscheidend für die Wirkung des Films sind die Leistungen der Hauptdarsteller. Daniel Wild hat durchweg Schauspieler verpflichtet, die mit kleinsten Mitteln größtmögliche Wirkung erzielen, die auch vordergründig aufgeladene Dialoge wahrhaftig klingen lassen, sentimentale Momente mit so viel echt anmutenden Gefühlen aufladen können, dass sie absolut glaubwürdig wirken. Wobei man als Zuschauer nicht beurteilen kann, ob einige Szenen während des Drehens improvisiert worden sind. Wenn ja, dann sehr gut. Allen voran ist Eva Weißenborn zu nennen. Sie spielt die einfach strukturierte, sich ganz auf ihre (beschränkten) Lebenserfahrungen verlassende Frau mit einer schier weltumspannenden Herzlichkeit. Die äußert sich nicht in Trara, sondern in schlichtem Vertrauen in das Gute an sich und in den gesunden Menschenverstand. Weißenborn setzt auf satte Schnoddrigkeit fern von abgegriffenen Berlin-Klischees und – wie wohltuend – auf sprachliche Gestaltung, die nie manieriert anmutet. Man hört’s daran, dass man bei ihr in entscheidenden Momenten nichts hört. Eine Schauspielerin, die um die Wirkung von Pausen weiß. Das gibt’s kaum noch heutzutage. Herrlich! Großartig auch: Franz Rogowski. Er verkörpert den jungen Mann mit Wissen um die Wirkung von Nuancen, enthüllt so dessen innere Zerrissenheit, zeigt Naivität als Stärke auch und gerade dann, wenn es darum geht, sich selbst anzunehmen oder eben nicht. Sein Spiel – und die starke Drehbuchvorlage – machen Torsten zu einem der liebenswertesten jungen Protagonisten des deutschen Kinos der letzten Jahre: verletzlich und stark zugleich, keine Figur ohne Fehl und Tadel aber ein Typ, den man gern als Freund neben sich hätte, einer der sich traut und der doch Furcht vor der eigenen Traute hat. Torsten ist, kurz also, ein Mensch aus Fleisch und Blut. Die Figur des fiesen Produzenten lebt besonders von der kraftvollen Präsenz Heiko Pinkowskis. Man sieht ihn und hasst ihn. Das muss ein Schauspieler erst mal hinkriegen!

Aufgezogen ist der Film über weite Strecken als Mockumentary, also als Dokumentarfilm, der keiner ist. Geschuldet ist das der Film-im-Film-Erzählung. Da leuchtet manch medienkritischer Moment auf. Wirkungsvoller aber ist das Eigentliche, das Drama eines Mannes mit Potential, den niemand sieht, den keiner hört, dessen Möglichkeiten nicht genutzt werden. Torsten ist einer von Millionen: Er wäre gern mehr als er ist, und er merkt nicht, dass er längst eine gewichtige Größe hat. Dem weit verbreiteten Glauben verfallen, groß ist nur, wer in den Medien groß raus kommt, gerät er gefährlich ins Wanken.

Am Schluß: ein dickes Ende. Man geht nicht beschwingt nachhause. Aber man sieht die einen umgebende Realität kritischer als vorher, ist ein wenig sensibilisierter, die Wirklichkeit auf Lug und Trug abzuklopfen. Da gerät man dann, genau wie Torsten, gehörig ins Schleudern.

Peter Claus

Bilder: © ZORRO

Lux – Krieger des Lichts, von Daniel Wild  (Deutschland 2017)

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